Adam von Trott zu Solz

Zur Person

Adam von Trott zu Solz

Adam von Trott zu Solz (1909-1944) war erst 35 Jahre alt, als er am 26. August 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde – wenige Wochen nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli.

Der Staat „ist zur Willkür geworden“, hatte er bereits 1933 als junger Jura-Student an seinen Vater geschrieben. Aus dem Geist des Widerstehens wurde aktiver Widerstand: Beharrlich kämpfte Trott für den Sturz der Diktatur. Als Student in Göttingen, Berlin und Oxford, auf Reisen und als Jurist im Auswärtigen Amt knüpfte er ein weites Netzwerk von Freunden und Gleichgesinnten. Adam von Trott war „ein Genie der Freundschaft“, erzählte ein Zeitzeuge später. „Er war bestimmt, Altes und Neues zu verbinden, links und rechts einander zuzuwenden“, sagte ein anderer Wegbegleiter.

Zu Trotts Netzwerk gehörten Sozialisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter ebenso wie Konservative, Kirchenvertreter und Militärs. Im Kreisauer Kreis arbeitete er an konkreten Plänen für ein föderales Europa, in dem ein demokratisches, gerechtes Deutschland verankert sein sollte. Im Ausland versuchte er, Unterstützung für den Widerstand und die geplante Nachkriegs-Regierung zu gewinnen. Claus Graf Schenck von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 mit dem Attentat auf Hitler den Umsturzversuch auslöste, war seit 1944 ein enger Freund.

Am 25. Juli wurde Adam von Trott wegen seiner nachgewiesenen Verbindung zu Stauffenberg festgenommen und am 26. August im Gefängnis in Berlin-Plötzensee hingerichtet. „Grüß mir Imshausen und seine Berge“, bat Adam von Trott seine Frau in seinem Abschiedsbrief.

Lesen Sie hier eine ausführlichere biographische Übersicht von Adam von Trott, zusammengestellt von Dr. Benigna von Krusenstjern und Ute Janßen

Clarita

Clarita von Trottzu Solz (1917-2013)

Clarita wurde am 19. September 1917 als Tochter von Clarita und Maximilian Tiefenbacher, einem Rechtsanwalt, in Reinbek bei Hamburg geboren. Nach dem Abitur absolvierte sie zunächst ein Landjahr und eine Ausbildung als Stenotypistin, hinzu kamen einige Aufenthalte im Ausland. Adam von Trott lernte sie 1935 bei gemeinsamen Freunden kennen. Im Juni 1940 heirateten die beiden und zogen in eine gemeinsame Wohnung in Berlin. Fast gleichzeitig begann er, in der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes zu arbeiten.

1942 wurde die Tochter Anna Verena geboren, Ende 1943 kam ihre zweite Tochter, Leonore Clarita Diana, in Imshausen auf die Welt. Von da ab sah sich das Paar nur noch selten, stand aber so gut es ging in schriftlichem Kontakt. Nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Clarita in Sippenhaft genommen und ihre beiden Töchter (2,5 Jahre und 9 Monate alt) verschleppt. Bis Ende September 1944 war sie im Frauengefängnis Moabit, im Oktober 1944 wurden auch ihre Kinder nach Imshausen zurückgebracht.

Nach dem Krieg lebte die 27jährige Witwe zunächst in Imshausen, Berlin und, auf Einladung von Freunden, im Ausland. Von 1950 bis 1955 studierte und promovierte sie in Medizin. Später folgten die Facharztausbildung in Neurologie und Psychiatrie sowie eine Lehranalyse. Mit 50 Jahren ließ sie sich in eigener Praxis als Psychoanalytikerin in Berlin nieder und praktizierte bis in ihr 80. Lebensjahr. Neben ihrer psychoanalytischen Tätigkeit blieb sie ihr Leben lang dem Vermächtnis ihres Mannes und seiner Freunde verpflichtet. 1956-1958 verfasste sie eine erste Biographie ihres Mannes, zunächst als „Materialsammlung“ deklariert, die 1994 erstmals veröffentlicht wurde. Dieses Buch wurde zum Grundstein für alle späteren Recherchen und Publikationen zum Denken und Handeln ihres Mannes und seiner Freunde.

1987 schrieb Clarita von Trott in einem Rückblick auf ihre Ehe: „Mein Leben war ungewöhnlich reich als Mutter meiner Töchter und ihrer Familien, durch Freundschaften und den ärztlichen Umgang mit Menschen in psychischer Not. Aber in der Mitte der Existenz blieb Adams Platz leer.“

Weiteres

Grußwort von Clarita von Trott am Kreuz, 20. Juli 2004

Verehrte, liebe Anwesende,

seitdem ich wußte, daß ich Ihnen in dieser besonderen Gedenkstunde ein Grußwort sagen könnte, hat mich der Gedanke ein eine unauslöschliche Erinnerung bewegt. Sowohl dieser Ort, als auch diese Stunde scheinen mir geradezu aufzutragen, die Erinnerung mit Ihnen zu teilen.

Es war Pfingsten 1944, also etwa zwei Monate vor dem gescheiterten Umsturzversuch am 20. Juli. Mein Mann war nach Imshausen gekommen, wohin er seine kleine Familie als Zuflucht vor den Berliner Bombennächten verpflanzt hatte; unser zweites Töchterchen war damals erst ein halbes Jahr alt. Er war auf der Rückreise von einer Reise – offiziell einer Dienstreise – nach Italien, wo er ganz offenbar ermutigende Erfahrungen gemacht hatte, denn ich hatte ihn seit langem nicht so wohl und ausgeruht erlebt. Wir sind bei herrlichem Frühsommerwetter zu genau dieser kleinen Kuppe hinaufgestiegen. Über uns, in einem strahlend blauen Himmel, jubilierten die Lerchen. Adam hat lange schweigend dort gestanden – dort, wo jetzt die Bank hinter dem Kreuz steht –, vertieft in den Anblick seiner geliebten hessischen Landschaft, die sich von hier in der Runde bis in die weite Ferne erstreckt.

Als er sich zum Heimweg anschickte, sagte er, daß ihm dies noch lange vor der Seele stehen und ihm helfen würde, wenn er wieder in Berlin sei. Auf dem Rückweg zum alten Familienhaus hat er unvermittelt letzte Dinge angesprochen auf eine Weise, wie ich es nie zuvor von ihm gehört hatte. Es war, als hätte er Bilanz gezogen. Adam sagte, er glaube, daß Gott ihn leben lassen würde, wenn er noch gebraucht würde. Aber falls es anders kommen sollte, so habe er auch das akzeptiert. Kurz darauf ergänzte er diese Darstellung jedoch. Er sagte, falls es anders kommen sollte, hoffe er, seine überlebenden Freunde würden ihre Erinnerungen an ihn zusammentragen. Ich kann nur mit meinen eigenen Worten versuchen, diesen Wunsch zu interpretieren: er versuchte auf alle Weise den vernichtenden Gedanken auszutreiben, daß er nicht nur sein eigenes Leben verlieren könnte, – nein schlimmer – daß auch die Früchte seiner unsäglich mühsam gewonnenen Einsichten und Erfahrungen verloren gehen könnten.

Die letzten Worte in einem kleinen Nachsatz des Abschiedsbriefes von meinem Mann waren: „Grüß mir Imshausen und seine Berge!“   Wir hier auf eben dieser Stelle Versammelten grüßen heute nicht nur. Ich meine, daß wir hier sind, um uns von diesem Freundeskreis, diesen Menschen des Widerstands in unserem heutigen Mühen mit unseren heutigen Konflikten eine Art Wegweisung zu holen.

Ich danke Ihnen.

Gedenkschrift zum 100. Geburtstag von Clarita von Trott zu Solz

Der unsichtbare Teil des Widerstands – Auf dem Weg zu Frieden, Verständigung und Rechtsstaat (1917-2013)
Imshausen 2017, ISBN 978-3-00-56965-4, 9,80 Euro zzgl. Versand

Zum 100. Geburtstag von Clarita von Trott zu Solz am 19. September 2017 wurde eine umfangreiche Gedenkschrift zum Geburtstag der Ärztin, Psychoanalytikerin und Witwe von Adam von Trott veröffentlicht. In zahlreichen Beiträgen von ihr selbst, Freunden, Wegbegleitern, Lehrern und anderen kreist die Schrift um die Frau des Mannes, der im Juli 1944 nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler als Widerstandskämpfer hingerichtet worden ist. Sie war zu der Zeit 26 Jahre alt und hatte zwei kleine Töchter (zwei Jahre/ neun Monate). Das Buch gliedert sich in die drei Abschnitte „Freundeskreis“, „Versöhnung und Frieden – Rechtsstaatlichkeit und Würde“ sowie „Erinnern gemeinsamer Maßstäbe“.

Links:

Auf den Spuren von Adam von Trott - Leben, Wirken und Erinnern

80 Jahre Erinnerungen

Vor 80 Jahren am 26. August wurde Adam von Trott in Berlin-Plötzensee ermordert. Dieses Datum war für uns - Dorothee Engelhard und Timo Marcel Albrecht - Anlass, Orte in und um Berlin aufzusuchen, an denen Adam von Trott gelebt und gewirkt hat und die noch heute an ihn erinnern.

Bevor wir mit Euch auf die Reise gehen, wollen wir uns vorstellen:

Dorothee Engelhard

Ich bin, seit Reinhard Höppner mich im Jahre 2004 in den Vorstand der Stiftung Adam von Trott, Imshausen e.V. holte, mit der Stiftung und ihren Aufgaben verbunden, von 2016 bis 2023 als Vorsitzende und seither als stellvertretende Vorsitzende. Sehr gefreut habe ich mich, dass mir für diesen Einsatz am 19. August 2024 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen wurde.

Timo Marcel Albrecht

Nach meinem Jurastudium in Göttingen und der Promotionszeit am dortigen Lehrstuhl für Deutsche Rechtsgeschichte habe ich den Großteil dieses Jahres in Berlin gearbeitet, seit November bin ich Rechtsreferendar in Leipzig. Mit Adam von Trott dürfte ich erstmals vor genau zehn Jahren in Berührung gekommen sein: Während meines Studiums besuchte ich mit großer Faszination die Göttinger Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des 20. Juli 1944, die nicht nur an der Georgia Augusta eine Phase vertieften Erinnerns einläutete (Link). Hierzu zählt insbesondere das von der Bundesregierung geförderte Kooperationsprojekt „Widerstand – Demokratie – Internationalität“ (Link), aus dem neben zahlreichen Veranstaltungen wie der jährlichen Adam-von-Trott-Lecture in Göttingen (Link) auch mehrere Kurzzeitstipendien hervorgingen. Eine solche Study Bursary ermöglichte es mir, im Frühsommer 2022 für meine rechtsgeschichtliche Promotion zum NS-Volksgruppenrecht einen Forschungsaufenthalt an der University of Oxford einzulegen, wo ich wenige Jahre zuvor bereits der englischen Trott Lecture (Link) beiwohnen durfte. An genau dieser Universität hatte auch Adam von Trott nach seinem Göttinger Jurastudium Anfang der 1930er Jahre als Rhodes-Stipendiat wertvolle Impulse erhalten.

Für unsere Spurensuche trafen wir uns am 25. Oktober, einem strahlenden Herbsttag, mit unseren Rädern vor Adam von Trotts Geburtshaus in Potsdam, der heutigen Henning-von-Tresckow-Straße 13. Es ist ein Wunder, dass ausgerechnet dieses Gebäude – der einstige Dienstsitz seines Vaters als Oberpräsident von Brandenburg – den schweren Bombenangriff, der am 14. April 1945 fast die ganze Innenstadt Potsdams zerstörte, überstanden hat. Die Zweckbestimmung als heutiges Innenministerium von Brandenburg sorgt für den Erhalt. 2009, zum 100. Geburtstag Adam von Trotts, wurde dort eine bereits von weitem gut sichtbare Gedenktafel zu seinen Ehren angebracht (Link). Die Lage des Gebäudes – vis-à-vis von Potsdams historischer Mitte mit dem heutigen Brandenburgischen Landtag (vormals: Stadtschloss), dem Museum Barberini und der Nikolaikirche sowie der inzwischen fast vollständig wiederaufgebauten Garnisonkirche – illustriert noch heute beispielhaft die Zentralität vieler Lebensstationen Adam von Trotts. Nur wenige Schritte entfernt im Brandenburgischen Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung befindet sich heute die Ausstellung „Potsdam und der 20. Juli 1944“ (Link), die an die Beteiligung mehrerer Potsdamer Militärs am Attentatsversuch auf Hitler erinnert.

Von Potsdam fuhren wir mit der S-Bahn und den Rädern bis Lichterfelde West, von hier war es nicht weit in die Rheinbabenallee 47. Dort lebten Adam von Trott und seine Frau Clarita ab dem 1. September 1940. Das damalige Haus wurde inzwischen durch ein anderes ersetzt, das streng bewacht und von einem doppelten Zaun umgeben ist. Dennoch konnten wir uns vorstellen, wie das junge Ehepaar in der auch damals grünen Umgebung mit der kleinen Verena unterwegs war. Der nahe Grunewaldsee war sicherlich ein häufiges Ziel, insbesondere wenn es galt, sich mit einem Freund unbeobachtet und abhörsicher auszutauschen.

Als uns klar wurde, dass am 19. Juli 1944 gegen Abend Claus Schenk Graf von Stauffenberg aus seinem Dienstwagen dort ausstieg, wo wir gerade standen, verlor die stille Villenstraße plötzlich ihre Harmlosigkeit. Stauffenberg brauchte am Vorabend zu dem Attentatsversuch die Unterstützung des Freundes, der hinter seiner Entscheidung stand. Anhand des Fahrtenbuches war es für die Gestapo ein Leichtes, Adam von Trott ausfindig zu machen.

Nicht weit von der Rheinbabenallee ist es zur St.-Annen-Kirche, der alten Dahlemer Dorfkirche. Wir wissen, dass Adam kein großer Kirchgänger war, aber 1941 hat er einen Weihnachtsgottesdienst mit Clarita besucht, vielleicht sind sie sogar zu Fuß die Rheinbabenallee und dann die Pacelliallee entlang bis zur Dorfkirche gewandert. In einem Brief an seine Mutter schreibt er mit Bezug zur Kirche, dass „deren Stimmung in einer gewissen realen Beziehung zur Not der Zeit stand, aber die Antwort unseres Glaubens an sie doch nur von fern anklingen ließ“.

Als wir mit unseren Rädern zur Dorfkirche kamen, war sie leider zu, so sind wir um die Kirche gewandert und haben an verschiedenen Gräbern gestanden, insbesondere vor dem Grab von Barbara von Haeften. Sie war die Frau von Hans Bernd von Haeften, er wurde am 15. August 1944 ebenfalls in Plötzensee ermordet (Link). Auf dem Grabstein wird an ihn erinnert, er und seine Frau gehörten zu den nahen Freunden von Clarita und Adam. Clarita schreibt später dazu: „Als Haeften zum ersten Mal in unserer Wohnung anrief, hielt Adam mir den Hörer hin: – Schon die Stimme dieses Mannes zu hören tut mir gut! – sagte er leise. Ihm tat dieser Freund wohl, der seine Wurzeln ganz bewusst im evangelischen Christentum verankert hatte und dessen Gerechtigkeitssinn so empfindlich und verletzlich war, dass das Entsetzen und Leid über die Verbrechen um ihn her ihn physisch zu vernichten drohte.“

Nach dem Besuch der Dorfkirche gönnten wir uns eine kleine Mittagspause in der Schwartzschen Villa in Steglitz. Wie könnte es anders sein, unsere heutige gesamtgesellschaftliche Situation mit ihren Unsicherheiten und ja auch Bedrohungen, bis hin zu Krieg und Frieden, waren Gegenstand unseres Gespräches und damit wurde uns so bewusst, dass es bei unserer kleinen Reise nicht nur um das Erinnern an Adam von Trott ging, sondern eben auch um Orientierung am Leben, Denken und Handeln der mutigen Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand geleistet haben. In einem Brief hat Adam von Trott einmal gesagt: „Gleichgültigkeit können wir uns nicht leisten.“

Gestärkt haben wir uns mit Hilfe der S-Bahn – die Julius-Leber-Brücke passierend und sodann per Fahrrad einen Schlenker über die Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock (heute Sitz des Bundesverteidigungsministeriums; Link) sowie den herbstlich-bunten Tiergarten nehmend – zu einem Ort aufgemacht, an dem Adam von Trott seine ersten acht Lebensjahre verbrachte. Bald nach Adams Geburt am 9. August 1909 in Potsdam siedelte die Familie nach Berlin um. Vater August war zum Kultusminister in das neue preußische Kabinett unter Reichskanzler Bethmann Hollweg berufen worden. Die Dienstwohnung lag im oberen Stockwerk des Kultusministeriums, Unter den Linden 4, heute Nr. 69 (unweit der Britischen Botschaft). Der zentral gelegene Gebäudekomplex reichte bis zur Behrenstraße und zur Wilhelmstraße und wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute, wo die Adresse ein Bürogebäude des Deutschen Bundestages beherbergt, kann man sich lediglich vorstellen, wie der kleine Adam und seine Schwester Monika von der Nurse der Familie über die pulsierende Prachtstraße durch das nahegelegene Brandenburger Tor in den Tiergarten geführt wurden, den beide wohl sehr liebten. Vielleicht ist Adam auf dem Weg die hohe Laterne, die vor dem Haus stand, aufgefallen.

Die beiden folgenden Stationen erreichten wir wieder mit dem Fahrrad. Es waren Gebäude, die vormals zum Auswärtigen Amt gehörten, wo Adam am 1. Juni 1940 Mitarbeiter in der Informationsabteilung wurde. Untergebracht war er in einem Eckgebäude in der Kurfürstenstraße 137, das 1943 zerstört wurde. Wir fanden an der Stelle nur ein modernes Wohnhaus mit der Nr. 137. Als Adam 1941 Leiter des Sonderreferats Indien wurde, erhielt er ein zusätzliches Arbeitszimmer in der Wilhelmstraße 75 (inzwischen geändert in Hausnummer 90). Heute erinnert dort eine Tafel (Link) an das damalige Auswärtige Amt, das auch zerstört wurde.

Wir waren für unser kleines Vorhaben ja an einem Freitag unterwegs und als wir das imposante Kammergericht in der Elßholzstraße 30–33 in Schöneberg erreichten, hatte die Sonne bereits ihren Höchststand verlassen und das Gericht war geschlossen. Timo hatte noch versucht, einen Pförtner zu überreden, uns wenigstens in das Treppenhaus zu lassen, der auch netterweise einen Kollegen holte, aber auch der lehnte unsere Bitte auf schroff-freundliche Berliner Art ab.

Am 15. August 1944 hatte hier im Plenarsaal des sogenannten „Volksgerichtshofes“ unter Vorsitz von Roland Freisler die Verurteilung zum Tode von Trott sowie seines Freundes und Kollegen im Auswärtigen Amt Hans Bernd von Haeften wie auch weiterer Angeklagter des Widerstands stattgefunden (Link). Berühmt geworden ist Hans Bernd von Haeftens Aussage während dieses Prozesstages: „Nach der Auffassung, die ich von der weltgeschichtlichen Rolle des Führers habe, nämlich, dass er ein großer Vollstrecker des Bösen ist, …“ – ein Ausspruch, den Freisler zwar sofort unterbrach, der aber dennoch Symbol für die Haltung des Widerstands gegen Hitler wurde.

Das Kammergericht ist heute das Oberlandesgericht des Landes Berlin, doch im Plenarsaal finden keine Prozesse mehr statt. Wie könnte auch jemals wieder in diesem Saal Recht gesprochen werden. Er kann jedoch nach Anmeldung besichtigt werden.

Nach dem Todesurteil wurde Trott ins Gefängnis Lehrter Straße 3 gebracht. Dort blieb er elf Tage, völlig isoliert. Er durfte nicht besucht werden, keine Briefe schreiben oder erhalten und auch Päckchen mit Nahrungsmitteln waren verboten. Der Gefängnispfarrer Harald Poelchau hatte ebenfalls keinen Zutritt. Aus der Gefängnisbibliothek hatte man ihm das „Purgatorio“ (Fegefeuer/Läuterung) aus Dantes „Göttlicher Komödie“, Schillers Trauerspiel „Maria Stuart“ und den Roman „Jürg Jenatsch“ von Conrad Ferdinand Meyer zugestanden. In seinem späteren Abschiedsbrief an Clarita schreibt er hierzu: „Sonst hatte ich solches wenig, aber sehr vieles in mir, was ich in Ruhe bewegen und klarlegen konnte.“

Wir erreichten – nach einer kurzen Kaffeepause am Reichstagsgebäude und dem Bundeskanzleramt vorbeiradelnd – das unweit des heutigen Berliner Hauptbahnhofs gelegene, am inzwischen späteren Freitagnachmittag jedoch bereits verschlossene Gelände, wo sich vormals das Gefängnis, ein Backsteinbau aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, befand, das später abgerissen und zu einem Geschichtspark (Link) umgewandelt wurde, als die herbstliche Kühle spürbar und die Schatten länger wurden.

Von der Lehrter Straße wurde Trott zur Hinrichtung nach Plötzensee gebracht. Er konnte noch an Clarita und seine Mutter schreiben. Wichtig war ihm, ihnen, seinen Kindern und Geschwistern seine Liebe auszudrücken und für den zugefügten Schmerz um Vergebung zu bitten. Er starb durch den Strang am 26. August 1944.

Als wir mit unseren Rädern Plötzensee erreichten, wo heute eine Gedenkstätte an den Hinrichtungsort nicht nur der Widerstandskämpfer erinnert (Link) und jedes Jahr am 20. Juli ein frühmorgendlicher Gedenkgottesdienst stattfindet, hatte die Sonne am Ende eines ereignisreichen und im Wortsinne „erfahrenen“ Gedenktages den Himmel in rotgoldenes Licht getaucht.

Beenden wollten wir unsere kleine Reise mit einem Ort, an dem an Adam von Trott und seine Gefährten aus dem Auswärtigen Amt gedacht wird. In der Wilhelmstraße 92 wurden im November 2021 für die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, die von den Nationalsozialisten verfolgt oder hingerichtet wurden, insgesamt 56 Stolpersteine verlegt (Link). Adam von Trott wie auch Hans Bernd von Haeften sind unter ihnen.

P.S.: Für diejenigen, die sich auch auf die Suche nach den Spuren Adam von Trott in Berlin begeben wollen, seien zusätzlich noch folgende Orte genannt:

  • Derfflingerstraße 10 (Treffpunkt mit Helmuth James von Moltke in dessen Wohnung; inzwischen zerstört)
  • Hortensienstraße 50 in Lichterfelde (wichtiger Treffpunkt der Freunde aus dem Widerstand; damals Wohnhaus von Peter Graf und Marion Gräfin Yorck von Wartenburg
  • Kleist-Grab am Kleinen Wannsee
  • Auswärtiges Amt (seit 2017 ist in der Berliner Zentrale des Auswärtigen Amtes am Werderschen Markt auf Initiative des früheren Göttinger Bundestagsabgeordneten und Bundestagsvizepräsidenten Thomas Oppermann sowie des aus Nordhessen stammenden früheren Staatsministers für Europa beim Auswärtigen Amt und heutigen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestags Michael Roth ein Sitzungssaal nach Adam von Trott benannt – Link)
  • Adam-von-Trott-Straße (im Norden Charlottenburgs gelegen, erinnert diese Straße seit 2001 an Adam von Trott – Link)

Dankenswerter Weise hat Benigna von Krusenstjern weitere Trott-Orte in Berlin aufgelistet, die alle in seinem kurzem Leben Bedeutung für ihn hatten. Wir würden dazu anregen, sie einzeln oder in Rundgängen zu besuchen. Es lohnt sich, denn es sind nicht nur Stationen für Trotts Leben, sondern auch zentrale oder historische Orte Berlins. Einige dieser Orte, insbesondere die der letzten Zeit, haben wir auf unserer kleinen “Reise“ aufgesucht.

Der kleine Adam besuchte in Berlin die Vorschule des Französischen Gymnasiums, damals am Reichstagsufer 6. Dort Erinnerungstafel an das im Krieg zerstörte Schulgebäude. (Zum Schulweg Adams und zur Bedeutung dieser Schule für ihn s. Biographie S. 44.)

Zuerst hatte AvT ein Zimmer am Olivaer Platz 9. Doch dort war es ihm zu laut, und er kam vorübergehend in der Dienstwohnung seines Onkels Eberhard von Schweinitz im Kgl. Schloss während dessen Abwesenheit unter. Im Juli fand er dann ein Zimmer in der Pariser Straße 54, wo er bis zum Ende seiner Berliner Studienzeit wohnen blieb. Er besuchte die Friedrich-Wilhelms-Universität, die heutige Humboldt-Universität. Ein wichtiger Ort des Lernens und Lesens für ihn war damals wie auch später oft die Staatsbibliothek Unter den Linden (S. 149 und 217).

AvT hatte sich als Anwaltsstation (mehrere Monate ab Dez. 1934) – für die damalige Zeit ganz inopportun – die heute völlig vergessene, von namhaften jüdischen Juristen geführte Simsonsche Anwaltskanzlei gewählt. Sie befand sich im Haus Pariser Platz 1, direkt neben dem Brandenburger Tor (S. 269). Er wohnte damals in der Meiningen-Allee 15, und zwar komfortabel und preisgünstig. Denn der unter Gestapoverdacht stehende Eigentümer musste sich zeitweilig im Ausland aufhalten und AvT auf seine Wohnung aufpassen. (s. S. 270) In der Nähe der Meiningen-Allee befand sich die von Kommunisten bewohnte Laubenkolonie, und AvT pflegte Kontakte dorthin bzw. zu dortigen Untergrundkämpfern, die er unterstützte (S. 272 und 276).

Wichtige Treffpunkte der Kernmitglieder des Kreisauer Kreises waren bekanntlich das Haus der Yorcks in der Hortensienstraße 50 sowie Moltkes kleine Wohnung über einer Garage in der Derfflingerstraße 10. Da diese ganz in der Nähe von Trotts Dienststelle in der Kurfürstenstraße 137 lag, trafen sich Moltke und Trott dort häufig. Aber auch in Trotts Wohnung in der Rheinbabenallee 47 fanden gelegentlich Treffen statt. Mit Julius Leber pflegte Trott einen engen Kontakt in dessen Kohlenhandlung  (S. 419 f.) an der Torgauerstraße/Ecke Gotenstraße direkt neben der Ringbahn (heute Gedenkort s. https://gedenkort-leber.de), wo Leber nach seiner KZ-Haft tätig wurde. Sein unauffälliges Bürohäuschen eignete sich gut für Widerstandstreffen. Stauffenberg und Trott trafen sich nicht nur mehrere Male in Trotts Wohnung (nachweislich siebenmal, S. 494 unten), sondern häufig auch in Stauffenbergs Dienststelle im Bendlerblock (S. 485 unten + S. 496 oben). – Zur Vorbereitung des Umsturzes kamen die Hauptverschwörer, darunter auch Trott, am 16. Juli 1944 in der Berliner Wohnung der Brüder Stauffenberg Berlin-Wannsee Tristanstraße 8 zusammen (S. 504).

Den 20. Juli erlebte Trott in seiner zweiten Dienststelle im Hauptgebäude des AA in der Wilhelmstraße 74-76 (S. 505). Verhaftet wurde er in seiner anderen Dienststelle in der Kurfürstenstraße 136 (S. 511). Das Gebäude Nr. 137 war bei einem Bombenangriff im November 1943 zerstört worden. Nach seiner Verhaftung wurde Trott in das Geheime Staatspolizeiamt in der Prinz-Albrecht-Straße 8 (heute ein Ort der Topographie des Terrors) in das Gefängnis im Kellergeschoss eingeliefert (S. 511). Dort ist er viel und intensiv verhört und auch gefoltert worden. (S. 512 ff. + S. 517). Untergebracht wurde er nach einigen Tagen in den Zellenbau des KZ Sachsenhausen und von dort zu den Verhören in die Prinz-Albrecht-Straße gefahren (S. 512). Der Prozess mit Todesurteil gegen Trott fand am 15. August 1944 im  Kammergericht in der Elßholzstraße 30-33 am Kleistpark statt. Der historische  Plenarsaal mit Gedenktafel an die Schauprozesse nach dem 20. Juli kann besichtigt werden. Die beiden letzten Orte Trotts waren dann das Gefängnis Lehrter Straße und die Hinrichtungsstätte Plötzensee.

Bücher & Filme

Biographien

Clarita von Trott zu Solz: Adam von Trott zu Solz. Eine Lebensbeschreibung

Lukas-Verlag Berlin 2009 | 368 Seiten | ISBN-13: 978-3867320634

Dieses Buch ist eine Neuauflage des Bandes, der 1994 in der Edition Hentrich erschienen ist (mit herausgegeben durch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand). Hinzu gekommen sind mehrere Dokumente, Bilder, ein Personenregister sowie einen Rückblick von Clarita von Trott von 1987. Das Buch gilt als Grundlage aller seit den 1960er Jahren erschienenen Trott-Biographien.

Benigna von Krusenstjern: »daß es Sinn hat zu sterben - gelebt zu haben«. Adam von Trott zu Solz · 1909 - 1944

Wallstein-Verlag Göttingen 2009 | 608 Seiten | ISBN-13: 978-3835305069

Benigna von Krusenstjern hat sich auf wissenschaftlicher Grundlage mit Adam von Trotts Lebenszeugnissen beschäftigt. Dabei ist sie auf zahlreiche neue Quellen gestoßen und hat diese völlig neu gewichtet. Mit sprachlicher Präzision gelingt es ihr ein differenziertes und ausgewogenes Bild Adam von Trotts zu zeichnen. Das Buch ist die grundlegende, deutschsprachige Biographie über Adam von Trott, auf die lange gewartet wurde.

Henric L. Wuermeling: Adam von Trott zu Solz. Schlüsselfigur im Widerstand gegen Hitler

Pantheon-Verlag München 2009 | 237 Seiten | ISBN-13: 978-3570550939

Unter den Verschwörern des 20. Juli war Adam von Trott zu Solz der »Außenminister«. Auf zwanzig Auslandsreisen koordinierte er die Zusammenarbeit des Widerstandes mit den Alliierten. Basierend auf Recherchen in Geheimdienstarchiven und ausführlichen Gesprächen mit Überlebenden ist Henric L. Wuermeling eine gut erzählte, packende Biographie gelungen.

Giles MacDonogh: A Good German: Adam Von Trott Zu Solz

Quartet London 1989 | 358 Seiten | ISBN-13: 978-0704327306

Giles MacDonogh examines the idealism and patriotism that were essential parts of Trott's character. Trott worked tirelessly to find support for the German resisters but this patriotism was misinterpreted by some of his British and American contacts, who missed the chance both to remove Hitler and to end the war at an earlier stage. To this day, this is one of the most readable and authoritative English-language biographies of Adam von Trott.

Andres Schott: Adam Trott zu Solz - Jurist im Widerstand

(=Rechts- und Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft), Paderborn: Schöningh, 2001 | ISBN 3-506-73397-4.

Andreas Schott geht es ausdrücklich nicht darum, eine Biografie von Adam von Trott zu verfassen. Seine Absicht ist es vielmehr, herauszuarbeiten, aus welcher Rechtsauffassung von Trotts Opposition zum NS-Staat entsprang. Im Mittelpunkt steht die Frage, welchen Anteil die Vorstellungen Adam von Trotts an der innerhalb des Kreisauer Kreises formulierten Neukonzeption eines deutschen Staates jenseits des "Dritten Reiches" hatten.

Tobias Hoh: Widerstand und Internationale Beziehungen. Die außenpolitischen Initiativen von Adam von Trott für die deutsche Opposition, 1937-1944

Baden-Baden: Tectum-Verlag, 2011 | 262 Seiten | ISBN: 978-3828884847

Die außenpolitische Dimension des deutschen zivilen Widerstands wurde, verglichen mit den Attentatsplänen, bisher nur wenig beachtet. Tobias Hoh dokumentiert und analysiert hier erstmals die durch Adam von Trott für den Kreisauer Kreis, gemeinsam mit weiteren Widerstandsgruppen aus Militär, Verwaltung und Kirche koordinierten Außenbeziehungen der oppositionellen Kräfte im Nationalsozialismus. 

Kenneth Sears: Opposing Hitler: Adam von Trott zu Solz, 1909-1944: ‘To Strive and Not to Yield’

Sussex Academic Press, 2011 | 103 Seiten | ISBN-10: 1845192826

Based on extensive research and talks with some of those who knew him, Kenneth Sears details the life of Adam von Trott zu Solz, a man of brilliant intellect who refused to compromise his conscience and sacrificed himself in a noble cause.

Verena Onken von Trott: Adam von Trott und die »knospenden Saaten« (=Stuttgarter Stauffenberg-Gedächtnisvorlesung, Jg. 2021)

Wallstein Verlag, 2022 | Broschiert 59 Seiten | ISBN 978-3-8353-3970-5.

Die Tochter des Widerständlers Adam von Trott reflektiert über die »knospenden Saaten«, die ihr Vater ihrer Familie und der Nachwelt hinterlassen hat.


 

Filmempfehlungen

Hellmut Sito Schlingensiepen und Christian Bimm Coers: »Noch stehen wir am Anfang…« - Adam von Trott zu Solz, 1909–1944

DVD-Video | ca. 28 Minuten

Der Film wurde für den Einsatz im Schulunterricht entwickelt, für den er sich aufgrund seiner Kürze und seiner Prägnanz erfahrungsgemäß besonders gut eignet. Zusammengestellt wurde er ausschließlich aus Quellenmaterial, Originalfotos und historischem Filmmaterial. Der Film wurde 2009, rechtzeitig zum 100. Geburtstages Adam von Trotts fertiggestellt.

Die DVD ist zum Preis von 29 Euro (zuzüglich Versandkosten) erhältlich. Mit Verleihrecht kostet er 119 Euro. Bestellungen von Schulen, Medienzentren und Unternehmen sind bei MATTHIAS-FILM gGmbH möglich. Einzelbestellungen durch "natürliche" Personen werden unter trott-dvd@geschichte-begreifen.info entgegen genommen.

 


 

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