BERICHT
„Ost-West“-Diwan mit erstaunlichen Erzählungen in Imshausen
Eine arabische Prinzessin, die nach Krieg und Zerstörung ihres Reiches mit einem Fürsten nach Sachsen-Anhalt flieht, und dort von dessen Frau mit offenen Armen willkommen geheißen wird, zwei Parks, die sich miteinander unterhalten oder auch die Geschichte des Schachspiels zwischen den Entstehungsorten im Nahen Osten und dem kleinen Ort Ströbeck – ganz erstaunliche Geschichten erzählten die Autoren Charlotte Buchholz, Ammar Awaniy und Mieste Hotopp-Riecke dem Imshäuser Publikum. Inspiriert von den sachsen-anhaltischen UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten (die Quedlinburger Altstadt, die Luthergedenkstätten, das Dessau-Wörlitzer Gartenreich, das Bauhaus und der Naumburger Dom), dem Weltdokumentenerbe und dem Immateriellen Kulturerbe haben sich diese drei Mitglieder des Fördervereins der Schriftsteller e. V. Sachsen-Anhalts auf Entdeckungsreise begeben. Ihr Ziel: das kulturelle Erbe zu erkunden, aus verschiedenen Blickrichtungen zu interpretieren, Zusammenhänge, aber auch Gegensätze aufzuspüren und Transformationen sichtbar zu machen.
Dabei ging es nicht nur um Verbindungen zwischen Orten im früheren Orient und Mitteldeutschland, sondern auch um Reisen durch ferne Zeiten und zu Menschen, die heute vielfach in Vergessenheit geraten sind. Ausgehend vom Schicksals seines Großvaters, eines Bäckers in Sachsen-Anhalt, der während des Krieges die deutschen Truppen in Kreta mit Brot versorgte, dann auf dem Balkan in Gefangenschaft geriet, nach dem Krieg wieder in der Heimat als Bäcker tätig war, berichtete der Turkologe Mieste Hotopp-Riecke von der Geschichte der Brotbackkunst, von unterschiedlichen Getreidesorten, die, wie zum Beispiel das „Tatarenkorn“ Buchweizen, erst über den Kontakt zwischen unterschiedlichen Religionen und Kulturen in unser Brot Eingang fand. Brot hinterlegten die „Kosovo-Ägypter“, Roma im heutigen Kosovo, für die Internierten in den Kriegsgefangenenlagern der Briten nach dem Zweiten Weltkrieg, wo sein Großvater einsaß.
Während sich Hotopp-Riecke 2015 auf die Spuren des Großvaters nach Kreta begab, floh Ammar Awaniy aus der syrischen Stadt Homs nach Deutschland. In Homs wütete der Krieg. Der Ingenieur Awaniy landete in Magdeburg, lernte die Sprache und Schriftsteller in der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt kennen. Gemeinsam veröffentlichen sie mittlerweile seine Gedichte. Seine Geschichten, die er im Stile eines „Hakawati“ (Geschichtenerzähler) dem Publikum darbrachte, blitzten vor Humor und Erstaunen über die vielen Verbindungen, die es schon seit Jahrhunderten zwischen seiner alten und der neuen Heimat gibt. Schließlich flochten sich in diese Erzählungen immer wieder Dialoge ein, die die Magdeburger Schriftstellerin Charlotte Buchholz für den Park in Bad Muskau und den Wörlitzer Park geschrieben hatte. Der Abend wurde von einer kurzen Pause unterbrochen, in der Mieste Hotopp-Riecke selbst gebackenes Brot anbot – natürlich stilecht mit usbekischen Messern angeschnitten. Es gelang den Autoren das Publikum neugierig zu machen – auf die Weltkulturerbe-Stätten in Sachsen-Anhalt, aber auch auf Reisen weit darüber hinaus. -SR
