Anfangs habe es auch in Breisach Widerstände gegeben: Argwohn, Misstrauen und Vorbehalte hätten noch 1998 den ersten Versuch der Stadt Breisach überschattet, sich an ihre ehemaligen jüdischen Mitbürger zu erinnern. Damals, so Walesch-Schneller, habe es eine erste Einladung der Stadt an 45 Überlebende gegeben, die aus Anlass der Einweihung des neu gestalteten Synagogenplatzes ausgesprochen worden war. Diese Einladung sei allerdings keine Einladung „von Herzen“ gewesen, die Ambivalenz in der Haltung der Stadt sei überdeutlich geworden. Zwei Jahre später habe es dann auf Druck von Aktiven aus der Region eine weitere, „erzwungene“ Einladung gegeben, bei der es erstmals gelungen sei, mit den Überlebenden und ihren Nachkommen tatsächlich ins Gespräch zu kommen.
Dabei blicke gerade Breisach auf eine reiche jüdische Tradition mit deutsch-französischen Wurzeln zurück. In Breisach, so betonte Walesch-Schneller, habe es für mehr als 300 Jahre die bedeutendste jüdische Gemeinde am Oberrhein gegeben. Doch bereits im Oktober 1940 seien von hier aus die ersten Juden aus dem Reichsgebiet deportiert worden. Ihr „Bestimmungsort“ sei das im südfranzösischen Gurs gelegene Lager gewesen, von wo aus 1942 diejenigen, die noch am Leben waren, dann nach Auschwitz deportiert worden seien.
Vor 12 Jahren, so berichtete Christiane Walesch-Schneller, habe sich die Möglichkeit zum Erwerb des ehemaligen jüdischen Gemeindehauses ergeben, das heute als „Blaues Haus“ bekannt geworden ist. Dafür wurde ein Förderverein gegründet, der nach mühevollen Anfängen in den letzten Jahren nicht nur das Haus komplett saniert und nutzbar gemacht hat, sondern auch viele spannende Projekte realisieren konnte, die Menschen unterschiedlicher Generationen – Deutsche und Juden, Migrantinnen und Migranten – zusammenbrachten. „Wir waren nie sicher, wie weit wir kommen würden“, räumte Walesch-Schneller ein, dennoch hätten sie nicht aufgegeben, sondern sich immer die Ziele gesetzt, die jeweils umsetzbar erschienen. Ein echter Höhepunkt waren die Veranstaltungen des Jahres 2006, bei denen amerikanische Tänzerinnen und Tänzer zusammen mit 100 Freiburger Schülern ein Tanzprojekt auf die Beine stellten, bei dem die Straße und das Haus selbst eine wesentliche Rolle spielten. Dieses Projekt stellte Walesch-Schneller in einer Filmcollage vor. Inzwischen gebe es unter Anderem eine Städtepartnerschaft mit dem polnischen Oswiecim (Auschwitz) und regelmäßige Exkursionen, vor allem für junge Menschen, zur Gedenkstätte sowie gemeinsame Aktivitäten mit zwei weiteren Vereinen aus der Region. Dennoch täten sich die Breisacher nach wie vor nicht ganz leicht mit ihrer jüdischen Geschichte und mit den Geschichten der Überlebenden, dafür gelte es weiter zu arbeiten. Sie selbst, so Walesch-Schneller, sei nach wie vor überzeugt, dass man lernen müsse, mit der Vergangenheit umzugehen, um die Zukunft gestalten zu können.
Dieser Artikel ist erschienen in der Printausgabe der HNA Rotenburg
