Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Tagung zum Erbe der Bekennenden Kirche in der DDR in Imshausen

Freiheit im Bekenntnis?

„Waren wir tatsächlich eine Bekennende Kirche?“, das war eine der zentralen Fragen, die der frühere Erfurter Propst Dr. Heino Falcke aus Erfurt an das Publikum in der voll besetzten Halle des Imshäuser Herrenhauses richtete. Sein Vortrag eröffnete das Tagungswochenende zum Erbe der Bekennenden Kirche in der DDR, zu dem die Stiftung Adam von Trott und die Martin-Niemöller-Stiftung gemeinsam eingeladen hatten. Neben Falckes Referat standen an den zwei noch folgenden Tagen für die rund 80 Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer, die aus ganz Deutschland, der Schweiz und den USA angereist waren, noch weitere, tiefgehende Einblicke in die Verfasstheit der Kirchen in der DDR auf dem Programm.

Der Sonntagvormittag war mit Impulsen der stellvertretenden Leiterin der brandenburgischen Stasi-Unterlagen-Behörde, Dr. Marie Anne Subklew sowie einem Beitrag der Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Dr. Ellen Ueberschär, dem friedenspolitischen Engagement der DDR-Kirchen und den Herausforderungen der Gegenwart an die Kirchen gewidmet.

Zeitzeugen im Gespräch: (von links) der Theologe Prof. Dr. Martin Stöhr, der ehemalige Erfurter Propst Dr. Heino Falcke, der frühere sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Dr. Dr. hc. Reinhard Höppner und der ehemalige Magdeburger Bischof Prof. Dr. Axel Noack.

Schon Falckes Eröffnungsreferat, zu dem neben den Tagungsteilnehmenden auch zahlreiche Interessierte aus der Region gekommen waren, riss die zentralen Fragen an: Welche Bedeutungen hatten Grundlagentexte wie das Barmer Bekenntnis in der völlig veränderten Situation in der DDR? Wie wirkten sich die politische Situation in den beiden deutschen Staaten und vor allem der Kalte Krieg auf die Arbeit in den Kirchen aus? Falcke, der auch einer der wichtigsten Zeitzeugen für die Zeit des Aufbruchs in den DDR-Kirchen Ende der 1980er Jahre ist, zitierte dazu exemplarisch den Theologen Karl Barth. Seine Idealvorstellung habe darin bestanden, sich mit den Evangelien „zwischen den streitenden Riesen hindurch“ zu bewegen und nach einem eigenen „dritten Weg“ zu suchen. Allerdings habe es der Kalte Krieg mit sich gebracht, dass die beiden Machtblöcke jeweils versucht hätten, die Kirchen zu vereinnahmen und zu instrumentalisieren. Die SED habe in den Kirchen, gerade auch in der protestantischen Kirche, eine „Fünfte Kolonne des Kapitalismus“ gesehen, deren Macht es zu brechen gegolten habe. Schon in der frühen Nachkriegszeit habe es kirchliche Initiativen zur „Bewältigung“ der Vergangenheit in den Kirchen gegeben. Falcke führte hier vor allem das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ (1945) und das „Darmstädter Wort“ (1947) an, die allerdings beide weitgehend ohne Beteiligung der „ostdeutschen Brüder“ zustande gekommen seien. Spätestens mit dem Mauerbau von 1961 habe sich die Frage der christlichen Existenz noch einmal völlig neu gestellt. Auch kirchliche Amtsträger hätten sich damals teilweise bereitwillig an die staatlichen Vorgaben angepasst, die SED habe die Maßgabe erlassen, dass die Kirche nur zu dienen und nicht zu kritisieren habe. Die Partei habe die Kirchen dadurch zu schwächen versucht, dass sie zwischen den gegenüber dem Staatssozialismus teilweise sehr unterschiedlich agierenden Landeskirchen differenziert habe und dass sie kirchliche Gruppen gezielt von Mitarbeitern der Staatssicherheit unterwandern ließ. Aus Barmen, so Falcke, sei eine „Anpassungsideologie“ geworden. Zur Desillusionierung habe nicht zuletzt auch das gewaltsame Ende des Prager Frühlings und der Träume von einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ beigetragen.

Eine entscheidende Nagelprobe sei die Betreuung von Wehrdienstverweigerern durch die Kirchen gewesen. Der 1969 gegründete Bund der evangelischen Kirchen in der DDR habe dabei – entgegen der Haltung der EKD - entscheidende Akzente in Richtung Gewaltfreiheit gesetzt, was auch innerhalb der noch existierenden Bekennenden Kirche zu Differenzen geführt habe. Dennoch habe das Bekenntnis von Barmen eine „Befreiungstheologie“ für die Christen in der DDR enthalten, auch wenn die Frage ob die Kirchen in der DDR tatsächlich freie Kirchen waren, nicht eindeutig zu beantworten sei. Falcke betonte, dass die Freiheit der Kirchen im „real existierenden Sozialismus“ immer prekär gewesen sei. In Konflikten, so der ehemalige Erfurter Propst, vernebele sich immer die Klarheit und die Freiheit reibe sich wund.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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