Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Konzertlesung in Imshausen zum Hessischen Tag der Literatur an historischem Ort

Zwischen den Zeilen gelesen

Was verbindet den preußischen Landjunker Heinrich von Kleist mit dem hessischen Imshausen? Die Aussicht eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, lockte am durch den Hessischen Rundfunk und das Hessische Wissenschafts- und Kunstministerium ausgerufenen „Tag für die Literatur“ zahlreiche Zuhörer zu einem literarisch-musikalischen Abend in die Halle des Imshäuser Herrenhauses. In der Lesung verhalf der am Theater Rudolstadt engagierte Schauspieler David Engelmann den Texten zu plastischer Gestalt, die musikalische Gestaltung hatten die beiden Bad Hersfelder Musiker Christian Winter (Klarinette) und Martin Janßen (Klavier) übernommen. Sie spielten mit Teilen aus Carl Maria von Webers „Silvana-Variationen“ Kammermusik aus dem Jahr 1811, dem Todesjahr Heinrich von Kleists.

Die Hauptfiguren des Abends waren der Preuße Heinrich von Kleist und aus Imshausen stammende Adam von Trott zu Solz, der dieses Mal nur mittelbar als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime im Mittelpunkt stand. Trott war erst 26 Jahre alt, als er 1935 im Auftrag des Potsdamer Verlegers Alfred Protte seine Auswahl von Kleist-Schriften herausgab. In der Einführung, die sowohl Kleist als auch Trott kurz vorstellte, machte die Geschäftsführerin der Stiftung Adam von Trott, Ute Janßen deutlich, dass diese Zusammenstellung der Texte nicht nur tiefen Einblick in das Werk Kleists, sondern auch in das „Lebensprogramm“ Adam von Trotts bietet.

Das Bild zeigt (von links nach rechts) die Ausführenden: Martin Janßen, Christian Winter und David Engelmann.

Das zeigte sich auch in der Lesung. Zwar bereitete vor allem die von Trott nicht für das laute Lesen konzipierte Einleitung Engelmann einige Mühe bei der Gestaltung, dennoch wurde die Doppelbödigkeit des Textes spürbar. Bei oberflächlicher Lektüre kann man den Einleitungstext als Hinweis auf Kleists Auflehnung gegen die napoleonische Fremdherrschaft und als Beweis für dessen Patriotismus verstehen. Berücksichtigt man jedoch genauer, wer diesen Text zu welcher Zeit verfasst hat, lässt er sich jedoch als Appell Adam von Trotts lesen, sich nicht „um der Ordnung willen“ einer beliebigen Ordnung zu unterwerfen, sondern das eigene Gewissen zum Maßstab des Handelns zu machen.

Vor allem beim Lesen der Kleistschen Texte konnte Engelmann seine Stärken als Gestalter zeigen. Gerade in den kleinen Anekdoten, wie dem „Charité-Vorfall“ und dem englischen Rechtsfall blitzte dabei vor allem in kleinen, sparsamen Gesten Engelmanns nicht nur der Humor Kleists auf, sondern auch seine Beobachtungsfähigkeit und die Hintergründigkeit mit der er seine Eindrücke künstlerisch verarbeitete. Ein kluger Kunstgriff Engelmanns war auch die Entscheidung, den „Deutschen Katechismus“, in dem Vater und Sohn über Vaterlandsliebe und Nation in den Zeiten Napoleons dialogisieren, nicht am Stück, sondern in eingestreuten Abschnitten zu lesen. Als Dialogpartner stand Engelmann dabei Martin Janßen zur Seite, der dafür den Klavierhocker jeweils kurz verließ.

Die Silvana-Variationen Carl Maria von Webers ergänzten und begleiteten die Veranstaltung. Bewusst ausgewählt worden war diese Musik nicht nur wegen der zeitlichen Koninzidenz (Weber komponierte sie in Kleists Todesjahr), sondern auch wegen Kleists persönlicher Beziehung zur Musik: Er selbst war ein leidenschaftlicher und nach zeitgenössischen Urteilen wohl auch guter Klarinettist. Christian Winter und Martin Janßen überzeugten im Zusammenspiel und loteten die für kammermusikalische Werke ausgesprochen geeignete Akustik im Imshäuser Herrenhaus perfekt aus. Vor allem Winters warm timbriertes Klarinettenspiel kam dabei ausgesprochen gut zur Geltung.

Eine wunderbare Atmosphäre für diese Veranstaltung, die einmal mehr zeigte, dass auch die vermeintliche „Provinz“ reich an literarisch-kulturellen Glanzlichter ist, bot vor allem der Ort des Geschehens, der wiederum eine kleine Verbindung zur Biographie Kleists aufwies: Als Heinrich von Kleist 1792 mit 15 Jahren in das preußische Militär eintrat, war der Bau des Imshäuser Herrenhauses eben vollendet.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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