Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Susanne Selbert stellte ihre Großmutter Elisabeth Selbert vor

Eine starke Frau – Mutter des Grundgesetzes

Den 18. Januar 1949 bezeichnete die Kasseler Juristin und „Mutter des Grundgesetzes“ Elisabeth Selbert selbst als ihre „Sternstunde“. Was zeichnete diesen Tag aus? Und was war Selberts Verdienst daran? Auf diese und andere Fragen gab die Enkeltochter Elisabeth Selberts, die Vizelandrätin des Kreises Kassel, Dr. Susanne Selbert im Imshäuser Gespräch vielfältige Antworten, die zugleich Anknüpfungspunkte für die heutige Diskussion um die Gleichstellung der Geschlechter lieferten.

Dass sie einmal eine der Vorkämpferin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau sein würde, war noch nicht abzusehen, als Elisabeth Rohde im Jahr 1896 in ein kleinbürgerlich-protestantisches Elternhaus geboren wurde. Wie ihre Enkeltochter berichtete, war eines ihrer Schlüsselerlebnisse die Verweigerung des Realschulabschlusses nach dem Besuch der Mittelschule – im Lehrplan für Mädchenschulen hätten schlicht die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer gefehlt. So war es Elisabeth Rohde, die 1920 den sozialdemokratischen Kommunalpolitiker Adam Selbert heiratete, nur auf dem mühsamen zweiten Bildungsweg möglich, das Abitur abzulegen und Jura zu studieren.

Susanne Selbert stellte in Imshausen ihre Großmutter Elisabeth Selbert vor.

Dies, so berichtete Susanne Selbert, tat sie als Mutter von zwei Kleinkindern und wohl als einzige weibliche Jura-Studentin an der Universität Marburg. Dass es für sie überhaupt möglich war, nicht nur zu studieren, sondern am Ende auch noch eine Promotion anzuschließen, hatte sie nicht zuletzt ihrem Ehemann zu verdanken, mit dem sie ein für diese Zeit ungewöhnliches Beziehungsmodell lebte: Unterstützt durch andere Familienmitglieder war er es, der weitgehend den Part des „Hausmannes“ übernahm. Ab 1933 geschah dies gewungenermaßen, weil er nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten sein Amt als stellvertretender Bürgermeister in Niederzwehren verlor und sogar für einige Wochen im Konzentrationslager Breitenau inhaftiert war. Es gelang Elisabeth Selbert 1934, unmittelbar bevor dieser Weg 1935 für Frauen endgültig verschlossen wurde, eine Zulassung als Rechtsanwältin und Notarin zu erhalten. Während des Krieges waren es zeitweise bis zu vier Kanzleien (die mehrerer jüdischer Kollegen und die des späteren hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn), für deren Weiterbetrieb sie Verantwortung übernahm.

So war es für Elisabeth Selbert eine Selbstverständlichkeit, dass sie im Parlamentarischen Rat, dem sie als eine von nur vier Frauen (gegenüber 61 Männern) angehörte, die Forderung erhob, dass nun, gerade nach der Erfahrung des Krieges, die Frauen nicht wieder in eine Rechtsposition, die der der Weimarer Republik entsprach, zurückgeschoben werden durften. Weil sie für ihre Position im Parlamentarischen Rat keine Mehrheit erhielt, begann sie gemeinsam mit anderen Frauen über Parteigrenzen hinweg eine Kampagne für die Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ zu organisieren. Nach einigen Widerständen setzten sich die Frauen letztendlich durch, der Gleichberechtigungsgrundsatz erhielt Eingang in das am 23. Mai 1949 verabschiedete Grundgesetz. Doch es sollte noch bis in die 1970er Jahre hinein dauern, bis die Frauen den Männern rechtlich gleichgestellt waren.


Vortragstext von Dr. Susanne Selbert


Susanne Selbert hatte die Möglichkeit, Ihre Großmutter sehr intensiv kennen zu lernen. Als Elisabeth Selbert 1986 starb, war ihre Enkelin 26 Jahre alt. Sie sei keine „klassische“ Großmutter gewesen, die mit ihr Apfelkuchen gebacken habe oder Märchen gelesen. Sie habe aber von ihr viele andere Dinge gelernt, die ihr in ihrem eigenen Leben – auch und gerade als Politikerin – immens wichtig geworden seien: Demokratieverständnis, Engagement für die Gesellschaft und Mut. Selbert würdigte in Imshausen auch das Leben der jüngst verstorbenen Clarita von Trott, die ebenso wie ihre Großmutter gegen viele Widerstände ein sehr eigenständiges Leben geführt habe.

Wie viel in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter auch in Gegenwart und Zukunft noch zu tun ist, zeigte sich in der anschließenden lebhaften Diskussion, bei der unter anderem die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen, mögliche Familienmodelle und die Frauenquote eine wesentliche Rolle spielten. Hingewiesen wurde an diesem Abend auch darauf, dass die Stadt Bad Hersfeld beabsichtigt, die jetzige Carl-Peters-Straße im Januar 2014 nach Elisabeth Selbert, dieser starken Frau mit der ungewöhnlichen Biographie zu benennen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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