Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch über Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Frauenleben zwischen Widerstand und Kaffee kochen

„Kaffee kochen für den Widerstand?“ - diese Überschrift hatte die Göttinger Historikerin Dr. Frauke Geyken für ihren Vortrag in Imshausen gewählt, in dem sie die Biographien von Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus vorstellte. Und sie kochten nicht nur Kaffee, das wurde im Verlauf des Vortrags sehr schnell klar. Stellvertretend für die vielen Frauen, die vielfach in der Nachkriegszeit wenn überhaupt, dann höchstens als „Frauen ihrer Männer“ wahrgenommen wurden, stellte Geyken, die vor einigen Jahren eine Biographie über Freya von Moltke vorgelegt hatte, insbesondere Annedore Leber, Rosemarie Reichwein und Clarita von Trott zu Solz näher vor.

Wie viel die Frauen von den Widerstandsaktivitäten ihrer Männer wussten und wie aktiv sie selbst dabei waren, war sehr unterschiedlich. So berichtete Geyken, dass Freya von Moltke bei vielen der Treffen des später von der Gestapo als „Kreisauer Kreis“ bezeichneten Widerstandsnetzwerkes anwesend war. Andere Frauen, wie beispielsweise Rosemarie Reichwein hätten zwar grundsätzlich gewusst, dass ihre Männer aktiv gewesen seien, sie seien aber in Details bewusst nicht eingeweiht gewesen. Dies, so betonte Geyken, sei nicht geschehen, weil den Männern das Vertrauen zu ihren Ehefrauen gefehlt habe, sondern um sie selbst und die Familien besser schützen zu können.

Die Göttinger Historikerin Dr. Frauke Geyken in Imshausen.

Viele der Frauen, unter ihnen auch Clarita von Trott und Annedore Leber wurden nach dem gescheiterten Attentat selbst Opfer von Sippenhaft. Von der Hinrichtung ihrer Männer erfuhren sie teilweise erst Wochen später. Ihnen seien, so berichtete Geyken außerdem auch ihre Kinder weggenommen worden. Die Kinder die jünger als vierzehn Jahre alt waren, kamen in ein SS-Kinderheim in Bad Sachsa, wo sie andere Namen bekamen. Das betraf auch die beiden Töchter Adam von Trotts, die nach der Verhaftung ihres Vaters aus Imshausen abgeholt wurden und für mehrere Monate spurlos verschwunden blieben. Ursprünglich sei offensichtlich geplant gewesen, dass die Kinder in linientreue Familien kommen sollten, dieser Plan wurde jedoch nicht umgesetzt und die Kinder kamen nach einiger Zeit zurück zu ihren Familien.

Doch auch nach Kriegsende blieb die Situation für die Frauen und Kinder schwierig: Sie mussten nicht nur mit dem Tod ihrer Männer fertig werden und die Existenz ihrer Kinder allein sichern. Ihre hingerichteten Männer galten noch lange Jahre als rechtmäßig verurteilte „Verräter“ und den Familien wurde bis in die frühen 50er Jahre jegliche Form der Hinterbliebenenversorgung verweigert. Gegenseitige Unterstützung und die Gründung eines eigenen Hilfswerkes konnten in den ersten Jahren nach dem Krieg die größte Not lindern. Viele der Frauen stellten sich jedoch schon sehr bald auf eigene Füße und meisterten ihr Leben mit bewundernswerter Kraft und Eigenständigkeit: Rosemarie Reichwein arbeitete als Krankengymnastin und führte eine der wichtigsten neurologischen Behandlungstechniken, nämlich die nach Bobath in Deutschland ein. Clarita von Trott begann ein Medizinstudium und Annedore Leber führte einen eigenen Verlag, in dem in der Nachkriegszeit die ersten Bücher über den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus erschienen. Leber sah sich selbst sehr bewusst als „Nachlassverwalterin des deutschen Widerstandes“.

Frauke Geyken betonte in ihrem Vortrag besonders, dass die Frauen und die Familien für die Aktivitäten der Widerstandskämpfer ein wichtiger Rückhalt gewesen seien, auch dann, wenn die Frauen selbst nicht aktiv beteiligt waren. Sie hätten eine enorme Lebensleistung erbracht: Immerhin hätten sie in unzähligen Zeitzeugengesprächen, in Filmen und in Büchern trotz oft fehlenden Interesses entscheidend dazu beigetragen, dass die Todesurteile inzwischen aufgehoben und dass sich die Haltung der Öffentlichkeit zum Thema Widerstand inzwischen gewandelt habe. Ihr wichtigster Beitrag, so fasste es eine Zuhörerin im voll besetzten Herrenhaus am Schluss zusammen, sei es jedoch gewesen, dass sie ihre Männer für die Sache freigegeben hätten. Dass nun nicht mehr nur die Männer gewürdigt würden, geschehe daher völlig zu Recht.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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