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Imshäuser Gespräch mit dem Griechenland-Experten Niels Kadritzke

Griechenland am Abgrund?

Patentlösungen konnte auch der Mitherausgeber der Zeitung „Le Monde Diplmatique“ Niels Kadritzke, der seit mehr als 30 Jahren einen erheblichen Teil des Jahres in Griechenland lebt, im Imshäuser Gespräch nicht bieten. Was er aber lieferte, war ein tiefer Einblick in die Veränderungen, die die Krise im Leben vieler Griechen ausgelöst hab. Dabei zeigte sich deutlich, dass unser Bild nach wie vor geprägt ist von Klischees und Vorurteilen, die uns die Griechen als „fröhliches Südvölkchen“ präsentieren, das nicht zuletzt mit seiner laxen Einstellung zur Arbeit das sauer erarbeitete Geld der fleißigen „Nordländer“ gedankenlos verjubelt.

Das Bild das Kadritzke zeichnete, war jedoch geprägt von den tiefen Einschnitten, die der Sparkurs für einen Großteil der Bevölkerung bedeutet: Seit Beginn der Krise hat sich die Kaufkraft in Griechenland – bei Preisen, die denen in Deutschland durchaus entsprechen – um bis zu 40 Prozent vermindert. Dazu kommt eine gravierende Arzneimittelknappheit, eine hohe Arbeitslosigkeit, die insbesondere junge Menschen betrifft (Jugendarbeitslosigkeit derzeit bei 60 Prozent) sowie eine extreme Verteuerung des Heizöls, die dazu führt, dass zunehmend auch in den großen Städten Holz verbrannt wird, was wiederum zu einer extremen Luftverschmutzung führt. Dieses seien, so Kadritzke, nur einige der Faktoren, die zu einer tiefen Depression bei vielen Griechen geführt hätten.

Niels Kadritzke in Imshausen.

Demgegenüber stehe ein politisches System, das zu Recht als Klientelstaat bezeichnet werden müsse: Jede der Parteien habe den Wählern Versprechungen gemacht und vor allem versucht, ihre Anhänger mit Wohltaten wie beispielsweise Stellen im öffentlichen Dienst und Schonung von Vermögenden an sich zu binden. Hinzu käme noch eine nicht unerhebliche Korruption und eine extrem schlechte Steuermoral vor allem unter den vermögenden Griechen. Die griechische Gesellschaft, konstatierte Kadritzke, zahle mit Euro und mit ihrer Gesundheit für die Unfähigkeit des Staates sich gegen die Klientelwirtschaft und gegen nahezu mafiöse Strukturen durchzusetzen. Gegenüber der Bevorzugung der Vermögenden sei der Sozialstaat völlig unterentwickelt. So gebe es lediglich für ein Jahr einen Anspruch auf ein Arbeitslosengeld in Höhe von rund 400 Euro und keinerlei Sozialhilfeleistungen. Dadurch sei es zu einer Verelendung breiter Teile der Gesellschaft gekommen und zur Abwanderung vor allem junger und gut ausgebildeter Menschen, die für sich in Griechenland inzwischen keinerlei Perspektive mehr sähen. Es grenze an ein Wunder, so Kadritzke, dass extreme Parteien wie beispielsweise die Faschisten bisher nur geringe Wahlerfolge verzeichnen konnten.

Daher sei ein langfristiges Sanierungsprogramm nötig, das auch einen grundlegenden Mentalitätswandel beinhalten müsse, die Krise müsse auch als Chance zur Selbstreflexion begriffen werden. Die meisten Griechen hätten, anders als es das allgemein gepflegte Klischee nahelege, einen ausgesprochen kritischen Blick auf die eigene Gesellschaft. Ihnen sei völlig klar, dass die Verantwortung für die griechische Krise vor allem bei der griechischen Gesellschaft liege. Andererseits werde die Situation derzeit durch die von der „Troika“ auferlegten Sparprogramme extrem verschärft, sodass eine wirtschaftliche Erholung mit zunehmender Dauer der Krise immer unwahrscheinlicher werde. Hierbei hätte unter anderem die Politik der deutschen Regierung, die entscheidend von eigenen wahltaktischen Überlegungen geleitet, notwendige Maßnahmen gebremst habe, einen teilweise sehr ungünstigen Einfluss genommen. Die Deutschen hätten, so Kadritzke, bisher von der Situation in Griechenland nicht unerheblich profitiert. Ein Ausstieg der Griechen aus der Eurozone, wie er von einigen Parteienvertretern wiederholt gefordert werde, werde voraussichtlich nicht nur den endgültigen Absturz Griechenlands zur Folge haben, sondern auch gravierende wirtschaftliche Schäden in Deutschland und in der EU anrichten. Kadritze kritisierte auch die teilweise unsinnige Verwendung von EU-Mittel in Griechenland. Im Prinzip bleibe als einziger Wirtschaftszweig für Griechenland derzeit der Tourismus.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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