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Felix zu Löwenstein plädierte für einen agrarpolitischen Systemwechsel

Für eine Landwirtschaft mit Rückgrat

„Frisches Brot bis unmittelbar vor Ladenschluss, Erdbeeren zu Weihnachten und Fleisch zu Billigstpreisen – das alles gehört ganz selbstverständlich zum täglichen Leben dazu. Diese Selbstverständlichkeit stellte der Agrarwissenschaftler, Buchautor und Biolandwirt Dr. Felix Prinz zu Löwenstein im Imshäuser Gespräch allerdings in Frage. Als Hauptprobleme identifizierte Löwenstein, dass es weltweit eigentlich keinen Nahrungsmangel gäbe, sondern ein Verteilungsproblem. Weltweit gingen der Landwirtschaft beispielsweise durch Versalzung pro Jahr rund zehn Millionen Hektar fruchtbarer Boden verloren.

Daher, so forderte er, sollten Flächen auf denen Nahrung angebaut werden könnte, keinesfalls für den Anbau von Energiepflanzen umgewidmet werden. Auch der hohe Fleischkonsum trage dazu bei, dass viel Fläche verbraucht werde, weil der Flächenbedarf für die Erzeugung tierischer Lebensmittel sehr viel höher sei, als für die Erzeugung pflanzlicher. Darüber hinaus würden rund 50 Prozent der mühevoll erzeugten Lebensmittel weggeworfen: Manche, wie das unmittelbar vor Feierabend gebackene Brot, noch im Handel, andere in den Haushalten. Diese drei Faktoren seien es vor allem, die die Effizienz der Landwirtschaft behinderten und hier machte Löwenstein auch die Hauptchancen für eine Umkehr in der Landwirtschaftspolitik aus. Damit widersprach Löwenstein in deutlichen Worten den Befürwortern einer weiteren Industrialisierung der Landwirtschaft. Es müsse eine Landwirtschaft geben, die möglichst viel aus den vorhandenen und endlichen Ressourcen mache und die möglichst wenig Geld benötigen, denn nur so könnten kleinbäuerliche Strukturen weltweit gefördert und unterstützt werden. Immerhin kämen noch heute mindestens zwei Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel aus kleinbäuerlichen Betrieben, die andererseits im derzeitigen System am härtesten um das Überleben kämpfen müssten.

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Agrarwissenschaftler und Biolandwirt aus Habitzheim.

Kritik übte Löwenstein vor allem an den industralisierten Großbetrieben, die Nahrungsmittel in Massen und zu Schleuderpreisen produzierten. Dies fördere einen unethischen Umgang mit Nutztieren und zerstöre die Artenvielfalt in der Landwirtschaft. Löwenstein, der selbst überzeugter Biolandwirt ist, malte dabei kein schwarz-weißes Bild vom guten Ökolandwirt auf der einen und dem bösen konventionellen Bauern auf der anderen Seite. Er ermunterte dazu, Qualität und Produktionsbedingungen als Verbraucher kritisch unter die Lupe zu nehmen und im Zweifel die Produkte des regionalen konventionellen und vernünftig wirtschaftenden Landwirtes von nebenan „anonymen“ Bioprodukten aus dem Supermarkt vorzuziehen. Nur müsste es eine faire Konkurrenz zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft geben, die auch die Folgekosten wie beispielsweise Grundwasserverseuchung durch Gülleeintrag oder Schäden durch übermäßigen Pflanzenschutzmittelgebrauch in die Produktionskosten mit einbeziehe. Dies sei heute nicht der Fall und das bevorzuge leider die Großerzeuger, die ohne Rücksicht auf „Verluste“ arbeiteten. Der notwendige Systemwechsel sei bisher nur sehr halbherzig betrieben worden.

Heute gelte leider immer noch vielfach das Motto, dass nur der Größere, der auf Kosten anderer wachse, auf Dauer überleben könne. Dabei, so Löwenstein, sei es gerade wichtig, dass die Zahl gerade der landwirtschaftlichen Betriebe nicht schrumpfe. Eine ländliche Gesellschaft ohne Bauern verlöre auf Dauer ihr Rückgrat. Mit dieser Aussage konnten sich auch die meisten der anwesenden Zuhörer in der voll besetzten Halle des Imshäuser Herrenhauses identifizieren, die sich zuvor sehr lebhaft und zum Teil auch mit kontroversen und kritischen Beiträgen an der Diskussion beteiligt hatten.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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