Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Zeitzeugengespräch zur DDR in Literatur und Alltagsleben

Nicht alles glauben

„Wenn man wissen will, wie es in der DDR tatsächlich war, dann muss man dieses Buch lesen“ - mit solch vollmundigen Worten wurde Uwe Tellkamps umfangreicher Roman „Der Turm“ vom Verlag angepriesen. Ob es aber „das Bild“ der DDR überhaupt gibt und ob es möglich ist, es über das Medium Roman oder Spielfilm zu transportieren, dieser Frage ging die Stiftung Adam von Trott im Anschluss an ihre Mitgliederversammlung in der öffentlichen Veranstaltung zum Imshäuser Jahrestreffen nach. Vier „gelernte DDR-Bürger“ stellten sich als Zeitzeugen den Fragen des Publikums.

Auf dem Podium saßen mit der ehemaligen Hallenser Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler, dem emeritierten Medizinprofessor Hans-Wolfram Neumann, der Pfarrerin Renate Höppner und dem früheren sachsen-anhaltinischen Ministerpräsidenten Reinhard Höppner vier Menschen, die aus eher unangepassten Elternhäusern stammten und die mit der Situation in der DDR durchaus schwierige Erfahrungen gemacht haben. Alle vier waren sich darüber einig, dass die DDR viele schlimme Seiten gehabt habe und auf keinen Fall im Nachhinein verherrlicht werden dürfe, dennoch äußerten alle Beteiligten den Eindruck, dass im Roman auch zahlreiche Klischees über das Leben in der DDR bedient werden.

V.l.n.r: Renate Höppner, Dr. Reinhard Höppner, Ingrid Häußler und Prof. Dr. Hans-Wolfram Neumann.

Vieles, was sie selbst schon fast vergessen gehabt hätten finde sich in dem Roman, wie beispielsweise Teile des spezifisch sozialistischen Vokabulars. Dennoch fanden alle Beteiligten in dem Roman, in dem der Autor Uwe Tellkamp den Zerfall von Gesellschaft und Bausubstanz in der DDR bilderreich und kunstvoll beschreibt, zahlreiche Kritikpunkte. So würde vieles überzeichnet, was Neumann, der ebenso wie eine der Romanfiguren Arzt ist, unter anderem an einigen Szenen verdeutlichte, die im Krankenhaus spielen. Neumann betonte, dass Tellkamp die Zustände in der DDR sehr viel schwärzer gemalt habe, als er sie selbst wahrgenommen hätte. Manches sei in der Romanverfilmung sehr viel besser transportiert worden als in der Buchvorlage, das liege nicht zuletzt an den Schauspielern, die die DDR größtenteils aus eigener Erfahrung kennen würden. Gerade der Anspruch, „die DDR“ schildern zu wollen und die Identifizierbarkeit einiger realer Personen mache es schwierig, Fiktion und Realität jederzeit sauber zu trennen.

Für Reinhard Höppner war einer der problematischsten Punkte des Buches, dass der Roman der DDR keine „Biographie“ zubillige und dass sich daher Entwicklungen im Land fast nicht wiederfänden. Manche der Szenen wirkten so, als kämen sie direkt aus den Zeiten des tiefsten Stalinismus in den 1950er Jahren. Das, so Höppner, passe nicht zu einem Roman, der die DDR in den achtziger Jahren beschreiben wolle.

Die studierte Chemikerin Ingrid Häußler, die lange in den DDR-Chemiekombinaten Leuna und Buna tätig war, bestätigte allerdings, dass gerade bei der Betrachtung der Energiefrage immer wieder deutlich geworden sei, dass die DDR vor allem in ihren letzten Jahren sowohl in Bezug auf Umweltfragen als auch auf die Energieversorgung auf einem sehr schmalen Grat entlang balanciert sei. Nicht nur ihr als kundiger Beobachterin sei deutlich geworden, dass der Ressourcenverbrauch beängstigende Ausmaße angenommen habe. Die Situation in der Industrie sei gerade in den 1980er Jahren sehr stark von Parteiinteressen und vom Streben nach Systemstabilisierung geprägt gewesen.

„Man kann es lesen, man sollte aber nicht alles glauben und es sollte keinesfalls das Einzige sein, was man über die DDR lese“, so lautete das Fazit, das die vier Zeitzeugen am Schluss der Veranstaltung. Und bei aller Kritik: Manche Dinge seien tatsächlich vorgekommen. Gerade die Szene, mit der der Film beginnt, die satirische Schilderung eines Weihnachtsbaumklaus, habe es gelegentlich in ähnlicher Form durchaus gegeben.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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