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Imshäuser Gespräch zum Thema Bildungspolitik mit Dr. Jörg Dräger

Wie wird Deutschland zur „Bildungsrepublik“?

Es gibt wohl wenige andere Themen, über die so leidenschaftlich gestritten wird, wie über Bildungspolitik. Das liegt wohl auch daran, dass die Bildungsfrage jeden betrifft, egal ob als Politiker, Lehrer, Schüler oder Elternteil und dass im Prinzip jeder eine Meinung dazu hat, wie die viel zitierte Bildungsreform aussehen müsste. Das wurde auch im Imshäuser Gespräch deutlich, bei dem der ehemalige Hamburger Wissenschaftssenator Dr. Jörg Dräger, der sich als Buchautor und Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung intensiv mit dem Thema Bildung beschäftigt, dem interessierten Publikum Rede und Antwort stand.

Wir werden in Zukunft länger, früher und mehr lernen müssen – das ist eine der Grundthesen Drägers, die auch das Zentrum seines Buches „Dichter, Denker, Schulversager“ bildet. Er sprach sich dafür aus, dass alle Kinder spätestens ab dem dritten Lebensjahr eine Kindertagesstätte besuchen sollten. Das würde insbesondere für Kinder aus „bildungsfernen“ Familien die Chance auf eine höhere Schulbildung signifikant erhöhen. Als weiteren wichtigen Faktor für die Verbesserung des Bildungssystems führte Dräger vor allem die Einführung der Ganztagsschule sowie eine staatliche Ausbildungsgarantie an.

Dr. Jörg Dräger sprach zum Thema Bildungspolitik.

Noch immer sei das Schulsystem in Deutschland zu selektiv: Gefördert würden im Wesentlichen die Schüler, die mit ihren Leistungen im Durchschnittsbereich lägen. Stärkere, aber vor allem auch schwächere Schüler blieben dabei zunehmend auf der Strecke. So müsse man davon ausgehen, dass rund 20 Prozent aller Schüler allenfalls auf Grundschulniveau lesen lernten. Dräger prognostizierte, dass Unbildung zukünftig zu einem erheblichen gesellschaftlichen Problem werden könnte. Bereits jetzt würden 56 Prozent aller Ausgaben im Sozialbereich getätigt – im Wesentlichen als Transferausgleich an die Menschen, die bei der Bildung leer ausgingen. Demgegenüber würden nur neun Prozent der Haushaltsmittel für die Bildung verwandt. Dräger plädierte dafür, diese Verteilung zu verändern und mehr zu investieren als im Nachhinein zu reparieren.

Doch nicht nur in der finanziellen Ausstattung des Bildungsbereiches seien - auch angesichts der demographischen Entwicklung - gravierende Veränderungen notwendig. Jörg Dräger stellte hier vor allem die Frage, warum es heute so sei, dass vielen Kindern und Jugendlichen im Laufe ihrer Schul“karriere“ Neugier und Lernwille verloren gehe. Einer der wichtigsten Gründe dafür sei, dass danach gestrebt werde, die Schülerinnen und Schüler möglichst „gleich“ zu machen. Dabei sei, so Dräger, Heterogenität eigentlich der Normalfall. Das gelte nicht nur für Menschen mit Migrationshintergrund, in vielen Klassen seien, unabhängig von der ethnischen Herkunft der Schülerinnen und Schüler, Unterschiede in den Lernfortschritten von rund zweieinhalb Jahren zu verzeichnen. Diesen Unterschieden müsse man vor allem mit methodischen Veränderungen begegnen. Es sei erfahrungsgemäß durchaus möglich, Kinder unterschiedlicher Alters- und Lernstufen in einem Klassenraum zu unterrichten, dies erfordere allerdings eine größere Flexibilität und andere Methoden als den reinen Frontalunterricht. Die Schule, so betonte Dräger, sei der einzige Ort, an dem es eine realistische Chance gäbe, die soziale Spaltung der Gesellschaft tatsächlich aufzubrechen. Dafür sei es allerdings notwendig, dass parteipolitisch gefärbte Strukturdebatten wie beispielsweise die um die Frage „Gymnasium oder Gesamtschule“ aufgegeben werden müssten. Auch müsse dem Bildungsbürgertum die Angst davor genommen werden, dass die Förderung der Schwächeren die Chancen ihrer eigenen Kinder schmälern könne.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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