Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zu Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes im Nationalsozialismus

Kein Hort des Widerstands

Echte Oppositionelle und Widerstandskämpfer seien im Auswärtigen Amt – ebenso wie in anderen Behörden während der nationalsozialistischen Diktatur nur relativ selten anzutreffen gewesen. Und dennoch gab es Einzelpersonen, die trotz des hohen persönlichen Risikos viel gewagt hätten. Das war das Fazit, das Prof. Dr. Eckart Conze im Imshäuser Gespräch zog, in dessen Mittelpunkt neben der Frage, ob das Auswärtige Amt ein „Hort des Widerstands“ war, die Beispiele der nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichteten Diplomaten Ulrich von Hassell, Hans Bernd von Haeften und Adam von Trott zu Solz standen. Conze war Sprecher der internationalen Historikerkommission, die bis vor zwei Jahren die Geschichte des Auswärtigen Amtes aufgearbeitet hatte.

Conze machte deutlich, dass das Auswärtige Amt keinesfalls ein „Hort des Widerstands“ gewesen sei, wie es die Mythenbildung in der Nachkriegszeit lange suggeriert habe. Auch der Widerstand einzelner Menschen im Amt, zu denen Conze neben Trott, Haeften und Hassell unter anderem auch Albrecht von Bernstorff, Fritz Kolbe und Rudolf von Scheliha zählte, sei weder Widerstand „im“ Amt noch Widerstand „aus“ dem Amt gewesen. Die „Gravitationszentren“ der Widerstandsnetzwerke hätten im Wesentlichen außerhalb des Ministeriums gelegen. Der ehemalige Botschafter Ulrich von Hassell, der 1933 zunächst in die NSDAP eingetreten war, habe sich sogar erst nach seinem Eintritt in den Ruhestand in die Opposition begeben.

Prof. Dr. Eckart Conze im Imshäuser Gespräch zu Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes im Nationalsozialismus.

Conze zeichnete die sehr unterschiedlichen Lebensbilder der drei sehr unterschiedlichen Diplomaten knapp aber sehr differenziert nach. Während Adam von Trott, der sich bereits sehr früh gegen die Nationalsozialisten positioniert hatte, eindeutig kein Karrierediplomat gewesen sei, sei dies beispielsweise beim erheblich älteren Hassell anders gewesen. Er habe sich erst ab 1937 vom Nationalsozialismus abgewandt, weil ihm der Kriegskurs des Regimes bereits früh vor Augen gestanden habe. Hassell sei dann von seinem Botschafterposten abberufen und in den Ruhestand versetzt worden. Ganz anders der Weg des zutiefst christlich geprägten Hans Bernd von Haeften, der zwar nach 1933 zunächst im Auswärtigen Amt aufstieg, aber selbst nicht in die NSDAP eintrat. Er hätte später das Amt gerne verlassen, brauchte seine beruflichen Möglichkeiten aber ebenso wie Trott als Tarnung für seine Widerstandsaktivitäten.

Auch wenn die Verbindung zwischen diesen drei Männern nicht im und nicht durch das Auswärtige Amt zustande gekommen sei, sei diese doch intensiv gewesen. Auch den noch relativ jungen Adam von Trott und Ulrich von Hassell hätte trotz erheblicher Unterschiede in ihrer politischen Position einiges verbunden: Zwar habe Trott eher sozialdemokratische Neigungen gehabt und Hassell habe im konservativen Netzwerk um den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler mitgearbeitet, dennoch hätten sich beide häufig intensiv ausgetauscht. Gerade Hassell habe immer wieder versucht zwischen Älteren und Jüngeren zu vermitteln.

Auch wenn die Verbindung zwischen diesen drei Männern nicht im und nicht durch das Ein großes Problem seien vor allem die personellen Kontinuitäten in der Nachkriegszeit und die Mythenbildung im Auswärtigen Amt gewesen. Conze beschrieb, dass dabei eine künstliche Trennung zwischen den „guten“ (traditionellen) und den „bösen“ (nazifizierten) Beamten stattgefunden habe, für dessen Begründung ein angeblicher Ausspruch Adam von Trotts gedient habe. Sein Kollege Wilhelm Melchers hatte in einem Bericht über die Tage um den 20. Juli behauptet, dass Trott den „Kern“ des Auswärtigen Amtes als „gesund“ beschrieben habe. Ob dieses Gespräch tatsächlich so stattgefunden habe, lasse sich nicht mehr beweisen, Conze hält die Wahrscheinlichkeit für eher gering und mutmaßte, dass diese Aussage eines Toten, der sich eben nicht mehr wehren konnte, vor allem für die amtsinterne Mythenbildung ausgesprochen nützlich gewesen sei.

In der anschließenden, sehr lebhaften Diskussion zeigte sich, dass die Aufarbeitung der Geschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit bis heute deutliche Spuren hinterlässt. Gerade die Frage der personellen Kontinuitäten wurde intensiv diskutiert und auch die Kontroverse um den Bericht der Historikerkommission, der 2010 unter dem Titel „Das Amt“ veröffentlicht wurde, wurde nicht ausgespart.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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