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Imshäuser Gespräch über „Rettungswiderstand“ in der NS-Zeit

Konkrete Hilfe gegen Entmenschlichung und Ausgrenzung

Es gab während der NS-Diktatur durchaus Alternativen zur Entmenschlichung und Entsolidarisierung mit den Verfolgten – auch für den viel zitierten „kleinen Mann“ und die „kleine Frau“. Das Risiko für die Menschen, die sich durch das Verstecken Verfolgter und die Unterstützung Versteckter gegen die herrschende Norm stellten, aber auch für deren Schützlinge, sei jedoch erheblich gewesen. Dieses Fazit zog die Mannheimer Historikerin Dr. Angela Borgstedt beim Imshäuser Gespräch, in dem der so genannte „Rettungswiderstand“ im Mittelpunkt stand.

Bis heute sind ca. 6.000 Fälle bekannt, in denen ganz „normale“ Bürger Juden und anderen Verfolgte ganz konkret Schutz und Hilfe boten. Doch die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen: Viele „Retter“ schwiegen in der Nachkriegszeit über ihre Aktivitäten, die heute wohl kaum noch rekonstruiert werden können. Und auch die Historiker hätten den so genannten „kleinen Widerstand“ oder „Rettungswiderstand“ erst in den letzten Jahren als Forschungsgebiet wahrgenommen.

Auch die Motive für Hilfeleistungen konnten sehr unterschiedlich sein: Borgstedt betonte, dass diese von der Hilfe für verfolgte Freunde und Nachbarn über eigennützige Gründe (beispielsweise finanzielle Gegenleistung) bis hin zur grundsätzliche Ablehnung der Rassenpolitik der Nationalsozialisten reichen konnten.

Die Mannheimer Historikerin Dr. Angela Borgstedt beim Imshäuser Gespräch.

Anhand mehrerer Beispiele zeichnete Borgstedt in ihrem Imshäuser Vortrag Lebensgeschichten von Helfern und Rettern nach. So habe das Mannheimer Ehepaares Eva und Karl Herrmann, die aufgrund ihrer Nähe zur Religionsgemeinschaft der Quäker grundsätzlich gegen die nationalsozialistische Rassenpolitik eintraten, versteckte mehrere Menschen, denen Verfolgung und Ermordung drohten. Den Helfern drohten im Extremfall Verfahren vor Sondergerichten und drakonische Zuchthausstrafen beziehungsweise die Einweisung in Konzentrationslager. So seien auch Eva und Karl Herrmann von einem Sondergericht in nicht-öffentlicher Verhandlung zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt worden, die sie allerdings vor einer Verlegung in ein Konzentrationslager bewahrt habe. Borgstedt schilderte eindringlich, mit welchen praktischen Schwierigkeiten das Verstecken Verfolgter oft verbunden war: Sie berichtete über extrem beengte Lebensverhältnisse in Verstecken, über das Organisieren von Lebensmitteln und die häufig vorkommende Notwendigkeit zum Wechseln von Verstecken.

Lebhaft diskutiert wurden im Anschluss an Angela Borgstedts Vortrag vor allem ethische Fragen, die sich aus den unterschiedlichen Motivationen von Helferinnen und Helfern ergaben. Aber auch Aspekte, die sich aus der Wahrnehmung der Erinnerungsgeschichte in der Nachkriegszeit ergeben, interessierten das Imshäuser Publikum sehr. Die fehlende Wahrnehmung der vielen Helferinnen und Helfer im „Kleinen“ so stellte die Referentin klar, sei bis in die 1990er Jahre einhergegangen mit einer systematischen Überhöhung und Heroisierung anderer Widerstandsformen. Erst seit dieser Zeit seien die Vielen, die sich durch ganz konkrete Unterstützung, die vom Nicht-Abbruch sozialer Beziehungen bis hin zum Verstecken Verfolgter reichen konnte, überhaupt erst wahrgenommen worden. Das zeige sich auch daran, dass man bis heute noch um die Bezeichnungen für diese Art der Widerständigkeit ringe. Viele der Helfer, die aus uneigennützigen Motiven handelten, hätten ihr Handeln als Selbstverständlichkeit empfunden und sogar schmerzlich die Unzulänglichkeit der Hilfe angesichts der Vielzahl der Verfolgten und Ermordeten gespürt. Dieses Handeln gelte es – wenn auch mit großem zeitlichem Abstand – nun endlich zu würdigen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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