Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Arabischer Frühling in Ägypten war Thema des Imshäuser Jahrestreffens

Die Veränderungen lassen sich nicht mehr zurückdrehen

2011 stand Ägypten gemeinsam mit anderen Ländern Nordafrikas im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses: Der so genannte „Arabische Frühling“ trieb damals Millionen vor allem junger Menschen auf die Straßen. Was ist aus dieser revolutionären Bewegung geworden, die in einigen Ländern Nordafrikas Regierungen aus dem Amt warf, deren Autorität in diesen Ländern zuvor für eine „Friedhofsruhe“ gesorgt hatten? Diese Frage stand bei der Veranstaltung zum Imshäuser Jahrestreffen, die sich an die Mitgliederversammlung der Stiftung Adam von Trott, Imshausen e.V. anschloss, im Mittelpunkt. Über die politische und gesellschaftliche Diskussion in Ägypten berichtete die ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftlerin Hoda Salah, die derzeit als Lehrbeauftragte in Berlin tätig ist und die sich besonders mit Menschenrechtsfragen und Frauenrechten beschäftigt.

Besonders auffällig ist für Salah die sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Entwicklung in Deutschland und Ägypten. Während in Deutschland die Medien eher skeptisch über die Vorgänge berichteten, sei dies in Ägypten selbst völlig anders. Allerdings könne der Otpimismus in Ägypten nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Ägypter viel mehr von der Revolution erwartet hätten und nun maßlos enttäuscht seien.

Die ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftlerin Hoda Salah berichtete über die politische und gesellschaftliche Diskussion in Ägypten.

Im Westen werde vor allem die „Politik von oben“, eben die der Regierung und der Parteien wahrgenommen und die Entwicklung in der Zivilgesellschaft völlig außer acht gelassen. Dabei, so betonte Salah, seien es gerade die kleineren Aktionen und Widerstandshandlungen „von unten“, beispielsweise unter jungen Menschen, Künstlern und Frauen, die letztendlich den Umbruch bewirkt hätten. Auch die westlichen Länder müssten die zivilgesellschaftliche Entwicklung in Ägypten verstärkt wahrnehmen und fördern, nicht zuletzt um einer zunehmend zu beobachtenden antiwestlichen Haltung in Ägypten entgegen zu wirken. Sowohl die USA als auch zahlreiche europäische Länder beschränkten sich gegenwärtig vor allem darauf, die Regierungen in den arabischen Ländern durch Waffenlieferungen und die Unterstützung der Polizei zu unterstützen, das schüre in der Bevölkerung vielfach Misstrauen.

Obwohl Hoda Salah die Regierung des gegenwärtigen Präsidenten Mursi in mancher Hinsicht durchaus positiv bewertete, sparte sie nicht an Kritik an der politischen Gesamtsituation im Land. Derzeit gebe es drei politische Blöcke in Ägypten, die wiederum in diverse Untergruppen zerfielen. Als derzeit stärkste Kräfte machte Salah die Armee und die Islamisten aus. Bei den religiös-konservativen Kräften seien die ultra-konservativen Salafisten, die konservativen Muslimbrüder (zu denen auch Präsident Mursi gehört) und linkskonservative Islamisten zu unterscheiden. Die dritte Kraft bilden die so genannten „Säkularen“, die sich für eine Trennung von Staat und Religion einsetzten. Problematisch sei vor allem, dass die Muslimbrüder aus den Wahlen mit rund 25 Prozent als stärkste Kraft hervorgegangen seien, sie hätten jedoch nicht die Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung hinter sich. Hoda Salah kritisierte vor allem die säkularen Gruppen, die stark zersplittert seien und sich bisher nicht zur Zusammenarbeit entschließen könnten. Salah forderte, dass die Zersplitterung des Landes entlang religiöser Trennlinien nicht länger gefördert werden dürfe. Vielmehr müsse es vor allem um Menschen- und Bürgerrechte gehen.

Auf großes Interesse stießen auch die Parallelen, die Hoda Salah im Gespräch mit dem Stiftungsvorsitzenden Dr. Reinhard Höppner auch zum Umbruch in der DDR zog. Ebenso wie 1989 sei auch 2011 der Wandel unerwartet gekommen. Ebenso in Ägypten wie auch in der DDR hätten sich nach der ersten Euphorie der Umwälzungen viele Aktive enttäuscht zurückgezogen. Trotz aller Kritik zeigte sich Salah insgesamt zuversichtlich. Die erreichten Veränderungen ließen sich ihrer Ansicht nach trotz aller Rückschläge nicht mehr zurückdrehen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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