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Dr. Elisabeth Raiser stellte Film über ihre Mutter Gundalena von Weizsäcker vor

Ein starkes Leben in Widersprüchlichkeit

Ein eindrucksvolles Porträt eines Frauenlebens im 20. Jahrhunderts in einer besonderen Familie zeichnete Dr. Elisabeth Raiser im Imshäuser Gespräch, bei dem sie den von ihr selbst und von Barbara Robra gedrehten Film „Gundalena“ vorstellte. Dr. Gundalena von Weizsäcker, geborene Wille war die Mutter Elisabeth Raisers. Daher bot sich in Imshausen die Chance, sich diesem Leben sozusagen aus der familiären Innenperspektive anzunähern.

Elisabeth Raiser war es nach eigenem Bekunden vor allem ein wichtiges Anliegen zu zeigen, dass es in der Familie Weizsäcker, die nach außen hin eher durch berühmte Männer geprägt ist, auch viele starke Frauen gab und gibt. Raiser betonte, dass sie in ihrem Bild keine Legende um ihre Mutter stricken wolle, sondern dass es ihr darum gegangen sei, den Menschen Gundalena von Weizsäcker in all ihrer Widersprüchlichkeit zu zeigen und dabei auch die Hintergründe der politisch unmenschlichen Zeit nicht auszublenden. Dabei gäbe es eben nicht nur schwarz und weiß, sondern auch sehr viele Zwischentöne zu entdecken.

Dr. Elisabeth Raiser stellte Film über ihre Mutter Gundalena von Weizsäcker vor.

In dem Film gelingt es Raiser und Robra nicht nur biographische Fakten zusammenzustellen, sondern für die emotionale Seite eindringliche Bilder zu finden. Gundalena von Weizsäcker, die als Tochter eines Berufssoldaten in der Schweiz geboren wurde, war als promovierte Historikerin eine eher ungewöhnliche Frau. Nach Abschluss ihres Studiums und ihrer Promotion bei dem bedeutenden Historiker Carl Jacob Burckhardt, war sie in Berlin als Korrespondentin für verschiedene große Schweizer Zeitungen tätig. Ihre Artikel zeigen sie als eine politisch wache und durchaus kritische junge Frau. Dennoch konnte auch sie sich in der Zeit nach der Machtübernahme Hitlers der Politik der Nationalsozialisten nicht vollkommen entziehen. In Berlin lernte sie Carl Friedrich von Weizsäcker, ihren späteren Mann und Sohn des Diplomaten Ernst von Weizsäcker kennen. Ihr Schwiegervater, der nach dem Krieg Hauptangeklagter im so genannten Wilhelmsstraßenprozess war, war während des Krieges im Auswärtigen Amt tätig. Seine dortige Arbeit wird von Historikern insbesondere wegen seiner als sicher geltenden Mitwisserschaft bei den Deportationen von Juden, derzeit kontrovers diskutiert. Mit ihren Schwiegereltern, die dem nationalsozialistischen Regime persönlich eher kritisch gegenüberstanden, verband sie ein sehr enges Verhältnis.

Gerade die Frage nach Wissen und Nicht-Wissen wurde in der Diskussion, die sich in Imshausen an die Vorführung des Films anschloss, von vielen der Anwesenden sehr kritisch hinterfragt. Gerade daraus ergäben sich, da waren sich die meisten der Gäste einig, wichtige Konsequenzen für das Handeln in der Nachkriegszeit. Raiser berichtete, dass ihre eigene Generation, die so genannte „Kindergeneration“ eher zurückhaltend mit Fragen an die Eltern gewesen sei. Die Enkel seien in dieser Beziehung sehr viel offener und auch offensiver an die Großeltern herangetreten. Gerade das historische und politische Interessiert- und Informiertsein sei ein wichtiger Faktor für die Weiterentwicklung der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse.

Raiser konstatierte auch, dass ihr Großvater sein eigenes Leben als gescheitert betrachtet habe, vor allem weil es ihm nicht gelungen sei, seinen eigenen Anspruch, von „innen“, aus seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt heraus gegen die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus zu arbeiten, in die Tat umzusetzen. Einer der Zuhörer bemerkte dazu, dass im Unterschied zu Menschen wie Ernst von Weizsäcker gerade die Menschen, die ihr Leben gegeben hätten, nicht gescheitert seien.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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