Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Filmemacher Dagmar Brendecke und Walter Brun zu Gast beim Imshäuser Gespräch

Verdrängte Erinnerung im Film

Ein Stück vergessener und bisher weitgehend vernachlässigter Erinnerungsgeschichte blätterten die beiden Filmemacher und Autoren Dagmar Brendecke und Walter Brun im Imshäuser Gespräch auf. Im Gepäck hatten sie ihren Dokumentarfilm „Cato“, in dem sie die Lebensgeschichte von Cato Bontjes van Beek erzählen, die 1943 im Alter von nur 22 Jahren in Plötzensee hingerichtet wurde. Ihr Verbrechen: Sie gehörte einem Widerstandsnetzwerk an, das von den Nationalsozialisten als „Rote Kapelle“ bezeichnet wurde, sie war an der Vervielfältigung und Verteilung eines politischen Flugblattes beteiligt und sie hatte französischen Kriegsgefangenen in der Berliner S-Bahn Briefe und Essen zugesteckt.

Weil die aus Fischerhude bei Bremen stammende Cato Bontjes van Beek dem Widerstandskreis „Rote Kapelle“ um Harro Schulze-Boysen und seine Frau Libertas zugeordnet wurde, wurde ihre Lebensgeschichte auch nach dem Kriegsende, wie Brendecke und Brun berichteten, weitgehend vergessen. Die junge Keramikerin galt als Kommunistin und die Erinnerung an den kommunistischen Widerstand war in den ersten vier Jahrzehnten der Bundesrepublik eher nicht opportun. Ihre Mutter kämpfte zeitlebens um die Anerkennung ihrer Tochter als Widerstandskämpferin. Das Todesurteil wurde jedoch erst 1998 aufgehoben.

Die beiden Filmemacher und Autoren Dagmar Brendecke und Walter Brun im intensiven Gespräch.

Beeindruckend waren neben den im Film von der Schauspielerin Anna Thalbach gelesenen Passagen aus den Briefen Cato Bontjes van Beeks auch die Bilder, die Dagmar Brendecke gefunden hatte, um das Leben der jungen Frau zu spiegeln. Das galt umso mehr, als es von Cato Bontjes van Beek keine Filmbilder gibt. Mit Bildern der Landschaft rund um Fischerhude, Bildern aus dem Gefängnis und aus dem Berliner Stadtbild gelang es Brendecke Stimmungsbilder zu erzeugen, die passten, aber andererseits an keiner Stelle den Eindruck einer gefälschten Authentizität erweckten. Zu Wort kamen darüber hinaus zahlreiche Zeitzeugen, zu denen auch zwei der Geschwister Cato Bontjes van Beeks sowie einige Freundinnen und Freunde gehörten. Besonders eindrücklich waren dabei die Gespräche mit Rainer Küchenmeister, der im Alter von 16 Jahren zusammen mit seinem Vater, der ebenfalls dem Netzwerk um Schulze-Boysen angehörte, verhaftet worden war. Man behielt ihn in Haft, weil man aufgrund seiner Jugend nicht recht wusste, was mit ihm geschehen solle und verlegte ihn in die Frauenabteilung des Gefängnisses. Mit Cato Bontjes van Beek, die in der Zelle über ihm inhaftiert gewesen war, hatte er per heimlich geschmuggelten Briefen eine besondere Freundschaft geschlossen, ohne sie jemals gesehen zu haben.

Die Begegnung mit den beiden Filmemachern bot in Imshausen die Möglichkeit, nicht nur den Film zu konsumieren, im Anschluss an die Vorführung kam ein intensives Gespräch in Gang, in dem neben der Lebensgeschichte Bontjes van Beeks auch über die Umstände des Zustandekommens des Films diskutiert wurde. So waren auch Brendecke und Brun mehr oder weniger per Zufall auf die Geschichte Cato Bontjes van Beeks aufmerksam geworden, obwohl einige Orte derselben in Berlin (Gefängnis, Wohnung) in unmittelbarer Nachbarschaft ihres eigenen Wohnquartiers liegen. Dagmar Brendecke hat vor einigen Monaten auch die Arbeit an einem Theaterstück über Cato Bontjes van Beek beendet, das im März von der Badischen Landesbühne uraufgeführt wurde.

Diese Artikel sind erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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