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Patrick Bahners warb bei Imshäuser Gespräch für besonnene Debatte um Islam

Neugier statt Polemik

Eine neue „Massenbewegung“ machte der FAZ-Journalist Patrick Bahners im Imshäuser angesichts der radikalen Islamkritik aus, die zunehmend auch intellektuelle Meinungsführer gewinne. Dabei käme es, so konstatierte Bahners, teilweise zu merkwürdigen „Frontenkreuzungen“, wenn insbesondere Menschen wie Ralph Giordano und Alice Schwarzer sich plötzlich auf die Seite der Eiferer schlügen und trotz eigener handfester Erfahrungen mit Intoleranz eben diese als Mittel zur Verteidigung der Toleranz befürworteten.

Bahners, der als Reaktion auf das Buch des ehemaligen Bundesbankvorstandes Thilo Sarrazin 2011 sein Buch „Die Panikmacher“ veröffentlichte räumte ein, dass es durchaus radikale Strömungen im Islam gebe und dass die Zivilgesellschaft gegen diese auch deutlich Stellung beziehen müsse. Es dürfe nicht dazu kommen, dass der Koran gegen das Grundgesetz ausgespielt werde und dass Rechtsstaat zu einer Religionspartei werde. Fanatische und extremistische Strömungen machte der Referent aber durchaus auch auf der Seite derjenigen aus, die sich selbst als „Islamkritiker“ bezeichneten. Das, so Bahners, zeige sich nicht zuletzt an der Tat des Norwegers Anders Bering Breivik, der vor dem Hintergrund seines kruden islamfeindlichen Weltbildes einen zynischen „Weltrekord“ des christlich fundierten Rechtsterrorismus aufgestellt habe.

Patrick Bahners warb für besonnene Debatte um Islam.

Thilo Sarrazins Buch bezeichnete Bahners als Machtgeste eines einflussreichen Menschen, es habe maßgeblich dazu beigetragen, dass die „Grenzen des Sagbaren“ sich in eine Richtung verschoben hätten, die eben nicht mehr als anständig zu bezeichnen sei. Die islamkritischen Einlassungen forderten den Staat explizit zum Aufgeben seiner religiösen Neutralität auf und in eine Art antiislamischen „Kreuzzug“ zu ziehen. Nach wie vor müsse man eine deutliche Grenze zwischen Politik und Religion ziehen, wobei aber auch die Religionen gefordert seien, sich weltlichen Verfahrensweisen zu beugen. Tyrannischen Anflügen in Religionen müsse in jedem Fall deutlich entgegengetreten werden.

Bahners kritisierte auch die aufgeheizte und unsachliche Diskussion über das Thema Islam, in der beide Seiten dazu neigten, dass auch vernünftige Einlassungen, wie beispielsweise die sehr besonnene Reaktion von Wolfgang Schäuble auf das Sarrazin-Buch polemisch zu kontern.

Es bleibe, so Bahners vor allem die Frage nach den Intentionen der „Islamkritiker“. Sie nähmen ein grundsätzliches Unbehagen an einer Welt auf, die immer komplexer werde, der eben mit den einfachen Schablonen von Schwarz und Weiß eigentlich nicht mehr beizukommen sei. Die Kritik am Islam habe damit auch eine Ventilfunktion, sie vereine ihre Anhänger in einer Art „Solidarität im Frust“. Die tatsächlichen Probleme könnten jedoch nicht wegdiskutiert werden. Diese machte Patrick Bahners vor allem im Kernbereich der Schule aus. Eine echte Dialogkultur müsse erst gelernt werden und zu ihr brauche es selbstbewusste Dialogpartner auf allen Seiten.

An das Impulsreferat von Bahners schloss sich in Imshausen ein sehr ernsthaftes und differenziertes Gespräch an, in dem eine Fülle von Fragen und Standpunkten zur Sprache gebracht wurde. In seinem Schlusswort forderte Patrick Bahners, dass sowohl Politik als auch Religionen sich verstärkt am Gemeinwohl orientieren müssten und dass alle Teile der Gesellschaft mehr Verantwortung übernehmen müssten, um der Tendenz einer „verantwortungslosen Gesellschaft“ entschlossen entgegen zu wirken. Neugier statt Polemik müsse eine Debatte bestimmen, die nicht weiter unnötig aufgeheizt werden dürfe.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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