Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zum Lernen aus der Geschichte

Mit Erinnerung gegen Menschenverachtung

Dort graben wo man steht, dann erreicht man die Menschen nicht nur mit Worten, sondern auch auf der emotionalen Ebene. Das ist das wesentliche Fazit, das Rüdiger Bender aus Erfurt beim Imshäuser Gespräch aus seinen Erfahrungen mit politischer Arbeit und Erinnerungsarbeit zog. In seinem Impulsvortrag schöpfte Bender aus den Erfahrungen, die er in seiner Arbeit am Erinnerungsort Topf und Söhne in Erfurt gesammelt hat. Am Ort der Fabrikanlagen, in denen Ingenieure während des Dritten Reiches die Leichenverbrennungsöfen und Lüftungssysteme der Gaskammern der Vernichtungslager entwarfen und weiter entwickelten, befindet sich heute ein Erinnerungsort mit Ausstellung und Möglichkeiten für Bildungsarbeit, der vor allem durch den Förderkreis initiiert wurde, dessen Vorsitzender Rüdiger Bender ist.

Gerade an solchen Orten werde deutlich, wie wesentlich Orte der Erinnerung für den heutigen Umgang miteinander seien: In der Erfurter Fabrik seien es, so betonte Bender, eben nicht unverbesserliche und abgrundtief böse Nazis und Antisemiten gewesen, deren oberstes Ziel die Umsetzung der Vernichtungspläne gewesen seien. Die Ingenieure, die in Erfurt für die Lager tätig geworden seien, seien eben dies nicht gewesen, sie hätten allerdings die Konsequenzen ihres Tuns ausgeblendet, sodass in der Kommunikation innerhalb der Firma und mit der SS Menschen zu „Brenneinheiten“ hätten werden können. Real vorhandene Entscheidungsmöglichkeiten seien nicht mehr wahrgenommen worden. Rüdiger Bender berichtete, dass es auch hier Menschen gegeben habe, die sich bewusst nicht an der Produktion für die SS beteiligt hätten. Diese seien ohne persönliche Konsequenzen in anderen Produktionszweigen der Firma eingesetzt worden.

Rüdiger Bender beim Imshäuser Gespräch.

Exemplarisch für den Umgang mit der Erinnerungsgeschichte stehe, so Bender, auch die Geschichte des Firmengeländes in der Nachkriegszeit und in der DDR. Die Firma wurde enteignet und ihre Geschichte wurde bis vor einigen Jahren nicht aufgearbeitet, Erfurt sei sehr lange Zeit eine „erinnerungslose Stadt“ gewesen.

Wichtig seien Erinnerungsorte auch und gerade für die Arbeit in der Gegenwart: Insbesondere könnten nach Ansicht Rüdiger Benders Orte wie Topf und Söhne oder Imshausen Anstöße liefern, darüber nachzudenken, wo Verantwortung und die Möglichkeit zum Protest gegen menschenfeindliches Verhalten heute ansetzen müssten. Auch das Bewusstmachen berufsethischer Zusammenhänge sei eine notwendige Konsequenz, die ein Ort wie Topf und Söhne besonders eindringlich nahelege. Hier nannte Bender Projekte, wie die Aufnahme von Menschenrechtsbildung in die Polizeiausbildung, die in Thüringen seit einigen Jahren praktiziert werde. Die Polizei in Thüringen und die Bearbeitung ihrer Geschichte stand dann auch im Mittelpunkt der Ausstellung zur Polizei im NS-Gau Thüringen 1933-1945, die an diesem Abend ebenfalls in Imshausen zu sehen war.

Beispielhaft schilderten Bender und Martin Borowsky von der Initiative „Erfurter Gedenken“ kreative Formen des Protestes gegen rechtsextreme Aufmärsche und Menschenverachtung und die Entwicklung neuer Gedenktraditionen. Gerade manche Gegendemonstration gegen NPD-Aufmärsche seien abschreckende Beispiele dafür, dass Außenstehende am Ende beide Seiten auf die gleiche Stufe stellten. Wenn Menschenverachtung auf die Straße gehe, da waren sich Bender und Borowsky einig, müsse dem unbedingt etwas entgegengesetzt werden – gerade auch durch Lernen aus der Geschichte.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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