Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch mit der islamischen Theologin Hamideh Mohagheghi

Gegenseitiger Respekt als Schlüssel zum Verständnis

„Wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht.“ Dieser Satz aus dem Koran, den die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi in ihrem Vortrag beim Imshäuser Gespräch zitierte, macht deutlich, dass die monotheistischen Religionen auch aus Sicht des Koran mehr Gemeinsamkeiten haben, als oft angenommen wird. Daher sei es ihr besonders wichtig, Religionen als Einladung statt als Anlass zur Konfrontation zu sehen. Gemeinsam, so führte Mohagheghi in ihrem sehr differenzierten Vortrag aus, sei den Religionen allerdings auch ihr Wahrheitsanspruch. Dieser verleite manche religiöse Führer dazu, Aussagen von Religionen dafür zu missbrauchen, Gläubige gegen Anders- oder Nicht-Gläubige aufzuhetzen um eigene Machtansprüche durchzusetzen und zu stabilisieren.

Hamideh Mohagheghi brachte den Zuhörerinnen und Zuhörer in der voll besetzten Halle des Herrenhauses zunächst die Wurzeln des Islam und seiner heiligen Schriften näher. Mithilfe ausgewählter Textpassagen erläuterte sie zentrale Begriffe und ging dabei insbesondere auf solche Stellen ein, die aus ihrem textlichen und historischen Zusammenhang gerissen, häufig zu Missverständnissen und falschen Urteilen über die Religion führten.

Die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi beim Imshäuser Gespräch.

Zwar gebe es durchaus die viel zitierten Suren, in denen zum „Kampf“ gegen „Ungläubige“ aufgerufen werde. Diese würden allerdings häufig verkürzt und aus dem Zusammenhang herausgerissen zitiert. Betrachte man diese Stellen ausführlicher und auch vor dem Hintergrund ihrer Entstehungszeit, so zeige sich, dass die Aussagen in den meisten Fällen bereits in der wörtlichen Bedeutung eine Relativierung erführen. Mohagheghi betonte, dass zwar der Koran den Muslimen als wörtliche Überlieferung des Wortes Gottes gelte, dass aber auch hier die Interpretation und Auslegung eine große Rolle spiele. So sei beispielsweise ein Selbstmordanschlag auch im Sinne des Koran eine große Sünde, weil hier Menschen sich das Recht nähmen, über eigenes und fremdes Leben zu entscheiden, was eigentlich ausschließlich Gott zukomme.

Die Referentin verhehlte nicht, dass es Probleme durch extremistische Interpretationsweisen gebe. Genannt wurden hier unter anderem der Umgang mit anderen Religionsgemeinschaften, ein extremer Missionierungsdrang, das Verhältnis zwischen den Geschlechtern sowie die Rechtfertigung von Gewalt durch religiöse Aussagen. Das Problem sei ihrer Wahrnehmung nach jedoch nicht ausschließlich im Islam selbst zu suchen, sondern im Missbrauch der Glaubensaussagen. Solche fundamentalistisch und extremistisch geprägten Richtungen gebe es aber sowohl im Islam wie auch im Christentum und anderen Religionen. Diesen gelte es entschieden entgegen zu treten.

Hamideh Mohagheghi bezog sich dabei nicht nur auf theoretische Grundlagen, sondern brachte ihre praktische Erfahrung aus der Diskussion über Fragen des Religionsunterrichts an Schulen sowie aus einem Austauschprogramm mit Studenten aus Deutschland und dem Iran, an dem sie selbst aktiv beteiligt ist in das Gespräch ein. Sie setze ihre Hoffnungen vor allem auf die junge Generation, die sie sowohl in Deutschland als auch im Iran als sehr viel offener und interessierter füreinander erlebe, als dies sonst meist wahrgenommen werde. Und vielleicht würde Gott, wenn er sich heute offenbaren würde, sogar über Facebook kommunizieren. Mohagheghi betonte, dass sie wisse, dass ihr Standpunkt nicht unbedingt eine Mehrheitsmeinung repräsentiere. Andererseits lohne es sich aber dennoch, sich mit Leidenschaft dafür einzusetzen, dass die verschiedenen Religionsgemeinschaften respektvoll miteinander umgingen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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