Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zum Thema Erinnerungskultur betont Bedeutung des Dialogs

Der Krieg prägt auch die Enkel

Fast 80 Jahre ist es nun her, dass mit der Machtübernahme durch Adolf Hitler die nationalsozialistische Diktatur begann. Unmittelbare Zeitzeugen gibt es inzwischen kaum noch, viele der Nachgeborenen fordern schon seit langem, dass endlich der sprichwörtliche gewordene „Schlussstrich“ gezogen werden möge. Doch es scheint, dass trotz aller Versuche der Aufarbeitung und auch des Verdrängens die Schrecken und Traumata von Krieg und Vernichtung auch bei den nachgeborenen Generationen deutliche Spuren hinterlassen. Das wurde auch in dem Vortrag deutlich, mit dem der Arzt und Psychotherapeut Dr. Reinhard von Trott zu Solz das Imshäuser Gespräch zum Thema Erinnerungskultur eröffnete.

Reinhard von Trott selbst hatte dabei eine Doppelrolle inne: Er war einerseits derjenige, der die Zusammenhänge zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis schilderte und das Funktionieren der verschiedenen Erinnerungsebenen beschrieb. Andererseits beschrieb er auch seine persönlichen Zugänge zum Thema. Trott selbst gehört ebenfalls zur Generation derer, die häufig als „Kriegskinder“ bezeichnet werden. Sein eigener Vater kehrte zwar 1947 aus dem Krieg zurück, starb aber kurze Zeit später an dessen Folgewirkungen. Obwohl er selbst damals noch sehr jung war und seine Kindheit insgesamt in eher bunter und lebendiger Erinnerung habe, erinnerte sich Trott dennoch daran, dass er als kleines Kind panische Angst vor Flugzeugen gehabt habe und dass das Gefühl von Verlust und latenter Trauer immer vorhanden gewesen sei.

Das Thema Erinnerung bewegte die Zuhörer in Imshausen, sodass sich intensive Gespräche zwischen Referent (Dr. Reinhard von Trott zu Solz, links) und Gästen auch im Anschluss an die Veranstaltung ergaben.

Dass die Erinnerung eben nicht so einfach vergeht, führte Reinhard von Trott nicht zuletzt auch darauf zurück, dass die Generation derjenigen, die den Krieg und das Dritte Reich selbst erlebt hätten, vielfach das Gespräch mit ihren Nachkommen verweigert hätten. Die Idee, dass Verschweigen auch Vergessen bedeute, habe sich allerdings nicht bewahrheitet. Gerade das Verschweigen führe dazu, dass sich Familiengeheimnisse bildeten, die traumatische Erfahrungen und deren Folgen im Verhalten auch unausgesprochen in die nachfolgenden Generationen weitertrügen. Auch Muster in den Erziehungsmethoden, die unbewusst aus dieser Zeit in die Nachkriegszeit übernommen worden seien, hätten zur Prägung der Nachfolgegenerationen beigetragen. Trott nannte als Stichworte dazu Vernichtungsängste, Ängste vor Trennungssituationen sowie vor der Aufdeckung der „Geheimnisse“. Diese Mechanismen beträfen nicht nur so genannte „Täter“- sondern in ganz ähnlicher Weise auch „Opfer“-Familien, in denen vor allem die Angst vor dem ohnmächtigen Ausgeliefert-Sein eine wesentliche Rolle spiele.

Wie sehr das Thema Erinnerung auch heute noch bewegt, wurde im anschließenden Gespräch deutlich spürbar. Viele der Zuhörerinnen und Zuhörer schilderten sehr persönliche Erfahrungen. Eine Besucherin wies darauf hin, dass es oft sehr viel einfacher sei, mit Außenstehenden oder mit den Enkeln über solche Belastungen zu sprechen, als mit den eigenen Kindern. Vielfach, so zeigten die Erfahrungen verschiedener Mitdiskutanten, sei es jedoch nicht einfach, die nachfolgenden Generationen tatsächlich so anzusprechen, dass Interesse an einem Dialog geweckt werde. Das, so die einhellige Meinung vieler Beteiligter, sei aber der Schlüssel dazu, dass ein echtes Gespräch überhaupt erst in Gang kommen könne.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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