Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch mit Antje Vollmer und Tagung zu Diktaturerfahrungen

Leben in der Diktatur

„Es gibt keine Geschichte ohne das Interesse an ihr“, mit diesem Satz aus dem Vorwort ihres Buches „Doppelleben“, in dem sie das Leben des Ehepaares Gottliebe und Heinrich von Lehndorff beschreibt, eröffnete die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin Dr. Antje Vollmer ihre Lesung aus dem Buch in der voll besetzten Halle des Imshäuser Herrenhauses.

Sie beschränkte sich dabei nicht darauf, Passagen aus ihrem Buch zu lesen, sondern gab auch Auskunft über den Entstehungsprozess ihrer Lehndorff-Biographie. Es sei nicht ganz einfach gewesen, den Menschen zu finden, konstatierte sie. Schon das Finden von Quellen und Informationen habe sich als echte Herausforderung erwiesen. Auch Vorurteile gegenüber den Akteuren des militärischen Widerstandes und ein grundsätzliches Desinteresse gegenüber deren Lebensgeschichten seien ihr im Verlauf ihrer Arbeit immer wieder begegnet. Sie sei jedoch zu dem Schluss gekommen, dass generelle Urteile grundsätzlich Vorurteile seien. Daher verstehe sie das Buch „Doppelleben“ nicht zuletzt auch als Buch gegen Pauschalisierungen und Vorurteile. Die Anregung zum Schreiben über das Ehepaar Lehndorff sei vor allem von der Tochter, dem früheren Model Vera von Lehndorff gekommen.

Die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin Dr. Antje Vollmer laß in Imshausen aus ihrem Buch „Doppelleben“.

Seinen Lebensmittelpunkt hatte das Ehepaar Lehndorff auf Schloss Steinort in Ostpreußen, das in unmittelbarer Nähe des Hauptquartiers Hitlers, der so genannten Wolfsschanze lag. Antje Vollmer betonte, dass Lehndorff keinesfalls ein „geborener Widerstandskämpfer“ gewesen sei. Seine Beteiligung an mehreren Umsturzversuchen und letztlich auch an dem vom 20. Juli 1944 habe sich nicht zuletzt aus der Lage seines Wohnsitzes in unmittelbarer Nähe Hitlers und des ebenfalls dort untergebrachten Oberkommandos der Wehrmacht ergeben. Dennoch sei sein Mut und seine Konsequenz bewundernswert gewesen. Immerhin habe er als Verschwörer in seinem eigenen Haus sozusagen mitten „in der Höhle des Löwen“ gelebt, da ein Flügel von Steinort für die Unterbringung des Außenministers Ribbentrop requiriert gewesen sei. Hier wurden in dieser Zeit auch Empfänge für hochgestellte Staatsgäste abgehalten und es gab durchaus auch Begegnungen mit den Repräsentanten der Staatsmacht.

Lehndorff, so betonte Vollmer, sei sich des Risikos das er eingegangen sei, jederzeit vollkommen bewusst gewesen. Seine Ehefrau sei eingeweiht gewesen und habe ihn loyal unterstützt. Durch zwei Fluchten habe sich Heinrich von Lehndorff nach dem 20. Juli dem Zugriff der Gestapo zu entziehen versucht, dennoch wurde er am 4. September 1944 in Plötzensee hingerichtet. Der Richter, der das Todesurteil gegen ihn ausgesprochen hatte sei, so Vollmer bis 1970 als Anwalt in Hessen tätig gewesen.

Vollmers Lesung über die Konfrontation Lehndorffs mit der nationalsozialistischen Diktatur war Teil einer zweitägigen Tagung, bei der es um die Erfahrung mit dem Leben in der Diktatur ging. Am Freitagnachmittag hatten die zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen mit Dr. Matthias Wanitschke von der Erfurter Stasi-Unterlagenbehörde und dem Zeitzeugen Horst von Quillfeldt Gelegenheit, sich mit der DDR-Vergangenheit zu beschäftigen, während der Samstagvormittag dem Namensgeber der Stiftung, Adam von Trott zu Solz gewidmet war.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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