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Imshäuser Gespräch mit zwei Ökonomen zum Zusammenhang zwischen Wachstum und Wohlstand

Wirtschaft ohne Wachstum? Wirtschaft nur mit Wachstum!

Angesichts der derzeitigen Krisenstimmung bekommt das Wort Wirtschaftswachstum vielfach einen nahezu sakralen Glanz: Wir brauchen Wachstum, damit wir weniger Arbeitslose und mehr Geld für Investitionen haben, wenn uns Wirtschaftsweise ein nachlassendes Wachstum prognostizieren, überfällt uns Panik. Da passte es gut, dass im Imshäuser Gespräch die Ökonomen Sebastian Dullien und Jakob von Weizsäcker der Frage nachgingen, ob Wohlstand ohne Wachstum überhaupt möglich sei.

Ausgehend von der Spannung zwischen Armut und Wohlergehen beziehungsweise Glück und Wohlstand skizzierten Weizsäcker und Dullien die historischen Hintergründe unseres Wachstumsstrebens. Sie zeigten, dass unsere Vorstellung von Wachstum eine relativ junge ist. Erst seit rund 200 Jahren sei so etwas wie ein spürbares Wachstum überhaupt erst nachzuweisen gewesen. Seitdem hätte sich nicht nur der materielle Wohlstand vervielfacht, sondern auch die Lebenserwartung ungeheuer starkt erhöht. Doch wie kann man Wirtschaftskraft und Wachstum überhaupt messen? Auch für Nicht-Wirtschaftswissenschaftler verständlich erläuterten die beiden Referenten das System des Bruttoinlandsproduktes, das nicht nur verkaufte Waren berücksichtigt, sondern auch Dienstleistungen einschließt. Allerdings bemisst sich das Bruttoinlandsprodukt ausschließlich nach dem Marktwert, sodass für den Eigenbedarf produzierte Waren sich nicht im Bruttoinlandsprodukt niederschlagen. Damit, so räumten Weizsäcker und Dullien ein, erweise sich auch diese Methode als fehlerbehaftet.

Die beiden Ökonomen Jakob von Weizsäcker und Sebastian Dullien (von links) standen im Imshäuser Gespräch Rede und Antwort zum Thema "Wirtschaft ohne Wachstum?"

Trotz aller, manchen Zuhörern technokratisch erscheinender Messversuche sei aber ein rein materieller Zuwachs an Wirtschaftleistung keine ausreichende Bedingung für wachsenden Wohlstand und zunehmendes Wohlergehen der Menschen. Auch der Zusammenhang zwischen Wachstum und Ökologie verdiene eine nähere Betrachtung. So sei trotz eines insgesamt zunehmenden Pro-Kopf-Einkommens der Kohlendioxid-Ausstoß in Deutschland deutlich zurückgegangen, sodass durchaus davon ausgegangen werden kann, dass auch eine qualitative Verbesserung und Effektivierung der Produktion entscheidend zum Wachstum beitragen könne. Auch „weiche“ Faktoren wie Glück und Zufriedenheit spielten bei der Beurteilung von Wohlstand durchaus eine wesentliche Rolle.

Als eingefleischte Wirtschaftswissenschaftler kamen Dullien und Weizsäcker am Ende zu dem Schluss, dass es zunehmenden Wohlstand ohne Wachstum nicht geben könne, beziehungsweise dass es hierfür bisher kein überzeugendes praktisches Beispiel gebe. Wichtig sei allerdings, dass Wachstum zukünftig vor allem durch eine effektivere, ressourcenschonendere Produktionsweise zustande kommen müsse. Es dürften, da waren sich beide einig, nicht mehr so viele Ressourcen verschwendet werden. Zu diesen Ressourcen zählten die Referenten unter Anderem auch den der Bildung. Phänomene wie Kinderarmut und die Abhängigkeit von Bildungskarrieren von der sozialen Herkunft der Eltern, stünden einem ressourcenschonenden Umgang mit dem Faktor Bildung bisher allerdings noch erheblich im Wege.

Dass nicht alle Zuhörer in Imshausen mit der Antwort Weizsäckers und Dulliens auf die Eingangsfrage einverstanden waren und dass vielen vor allem der Hinweis auf Alternativen fehlte, zeigte sich spätestens bei der engagierten und teilweise durchaus kontroversen Diskussion. Einigkeit herrschte allerdings darüber, dass es in Deutschland derzeit eigentlich kein Armuts- sondern ein Verteilungsproblem gebe, für das es dringend Lösungsmöglichkeiten geben müsse.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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