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Imshäuser Gespräch zu Protestbewegungen im nördlichen Afrika

Nordafrika zwischen Friedhofsruhe und Chaos

In vielen Ländern des nördlichen Afrikas habe bis vor kurzem eine „Betonstabilität“ geherrscht, die allerdings auf tönernen Füßen gestanden habe. Diese, so konstatierte der Afrikareferent der Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker Ulrich Delius im Imshäuser Gespräch, jetzt innerhalb kurzer Zeit regelrecht in sich zusammen gesackt. Einen erheblichen Einfluss auf die Vorgänge hätten auch die Medien gehabt, die vor allem dafür gesorgt hätten, dass die Protestbewegungen auch im Ausland wahrgenommen worden wären.

Es war ein wahrer Parforceritt durch das nördliche Afrika, den Delius mit seinen Zuhörern in Imshausen unternahm. Er reichte von der westlichen Sahara über Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen bis nach Ägypten.

Afrikareferent Ulrich Delius von der Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker beim Imshäuser Gespräch.

Man müsse die Situation in den verschiedenen Ländern sehr differenziert betrachten: Sehr unterschiedliche politische Systeme träfen auf unterschiedliche Interessen der Nachbarländer, der Europäer, der USA und anderer Mächte. Es gäbe nicht eine einheitliche Revolution, sondern viele unterschiedliche.

Vor allem den Europäern sei es immer wichtig gewesen, dass Ruhe und Stabilität in den betreffenden Ländern geherrscht habe. Diese Ruhe, für die man den Preis der Unterstützung diktatorischer, autokratischer Regime gezahlt habe, sei aber, so Delius, eine Friedhofsruhe gewesen, in der Minderheiten und die Zukunftsperspektive vor allem junger Menschen viel zu kurz gekommen seien. Unterschwellige Spannungen habe es aber in allen betroffenen Ländern schon lange gegeben. Sie seien jetzt aufgebrochen und man könne ihr Aufbrechen nicht den Demokratiebewegungen anlassen. Derzeit herrsche in Europa allenthalben Verunsicherung über die Zukunft der Region, was nicht zuletzt auch damit zusammenhänge, dass befürchtet werde, die Abschottungsmechanismen gegen Flüchtlinge aus Nordafrika würden nicht mehr ausreichen. Viel wichtiger als Abschottungsmaßnahmen wären, so betonte Delius, konkrete Maßnahmen zur Sicherung der Demokratie in den Ländern, damit die Notwendigkeit zur Flucht zukünftig entfalle.

Eine Patentlösung konnte aber auch Ulrich Delius trotz mehr als 25 Jahren Berufserfahrung als Afrikareferent und vielfältigen Kontakten zu Menschenrechtlern in der Region nicht anbieten. Ein wichtiger Schlüssel, so betonte er, liege in der Frage des Umganges mit Minderheiten. Gerade jetzt, wo so vieles in Bewegung gekommen sei, herrsche bei vielen Minderheiten (wie beispielsweise den koptischen Christen in Ägypten oder den Beduinen) große Verunsicherung über ihre Zukunft. Immerhin könnten möglicherweise auch radikal-islamische Gruppen von der instabilen Situation in der Region profitieren. Auch wenn es viele hoffnungsvolle Zeichen in Richtung auf eine sich konstituierende Zivilgesellschaft gäbe, stehe ein tiefergehender Wandel noch aus. Die Weltpolitik sei, insbesondere in Bezug auf die Unterstützung diktatorischer Regime nach wie vor gekennzeichnet von chronischem Gedächtnisverlust.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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