Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Theologin Käßmann bei Gedenkfeier zum 20. Juli

Wir müssen Widerstand leisten

Alle Artikel von René Dupont

500 Menschen aus der ganzen Region haben sich am Mittwochabend zu einer Feierstunde am Trottenkreuz in Imshausen versammelt zum Gedenken an das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944.

In ihrer Gedenkrede erinnerte die Theologin Dr. Margot Käßmann an das Leben und Wirken von Widerstandskämpfer Adam von Trott zu Solz und seiner Freunde. Sich zu erinnern, reiche aber nicht, betonte Käßmann. Widerstand sei auch heute gefragt. „Wir können als Einzelne die Welt nicht grundsätzlich ändern. Aber wir werden uns auch nicht wegducken“, sagte Käßmann. „Müssen wir nicht die Menschen unterstützen, die in Nordafrika für die Freiheit aufstehen?“, fragte die Theologin. Deutschland sei auf Platz drei der Rüstungsexporte aufgerückt. „Schön moralisch beklagen wir die Kriege der Welt, aber wir verdienen an ihnen!“ Da gelte es, offen und mutig vom Frieden Gottes zu reden, der auch Frieden auf Erden bedeuten solle, sagte die Theologin.

In ihrer Gedenkrede erinnerte die Theologin Dr. Margot Käßmann an das Leben und Wirken von Widerstandskämpfer Adam von Trott zu Solz und seiner Freunde.

Käßmann war 2009 und 2010 Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zurzeit ist sie Gastdozentin an der Ruhr-Universität in Bochum. Vor Kurzem wurde sie zur EKD-Beauftragten für das Reformationsjubiläum 2017 ernannt. Ab 2012 wirbt sie für das Jubiläumsjahr.


Nicht einschläfern lassen

Ein strahlender Stern am Kirchenhimmel - das ist die Theologin Dr. Margot Käßmann für viele. Sie verschlingen ihre Bücher und katapultieren sie in die Bestsellerlisten. Zu viel Selbstdarstellung, manche ihrer Antworten auf die drängenden Fragen dieser Welt ein bisschen zu naiv – so sehen es einige andere.

500 Menschen aus unserer Region konnten sich am Mittwochabend selbst ein Bild von dieser in jedem Fall ungewöhnlichen Frau machen. Sie hatten sich zu einer Feierstunde am Trottenkreuz in Imshausen versammelt zum Gedenken an das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944.

500 Menschen aus der ganzen Region haben sich am Mittwochabend zu einer Feierstunde am Trottenkreuz in Imshausen versammelt zum Gedenken an das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944.

In ihrer Gedenkrede erinnerte Käßmann an das Leben und Wirken von Widerstandskämpfer Adam von Trott zu Solz und seiner Freunde. Adam von Trott habe die Kirche durchaus kritisch begleitet, sagte Käßmann. Und die Kirche damals habe in der Tat versagt. Sie hätte aufschreien müssen, für die Juden und die Homosexuellen eintreten müssen.

Auch bei Helmuth James Graf von Moltke könne man sehen, wie Schwäche zu Stärke werden könne. Käßmann zitierte aus einem Brief Moltkes an seine Frau Freya, den er nach der Verhaftung vor seinem bevorstehenden Tod geschrieben hat: „Ich bin so voll Dank, eigentlich ist für nichts anderes Platz...“ Ein solcher Widerstandsgeist zeige, wie Torheit zu Weisheit werden könne, sagte Käßmann.

„Jesus hat immer wieder von der Kontrastgesellschaft gesprochen. Nicht die, die Waffen haben, spricht er selig, sondern die Sanfmütigen, die, die Frieden stiften.“

„Viele sitzen heute eher vor dem Fernseher und lassen sich ablenken, statt hinzuschauen, was in der Gesellschaft passiert. Wir dürfen uns aber nicht einschläfern lassen“, sagte Käßmann.

„Nie wieder Krieg - da waren sich die Deutschen doch einig nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagte sie. „Haben wir uns tatsächlich bewusst für den Krieg in Afghanistan entschieden? Müssen da nicht die aufstehen, die das für einen falschen Weg halten? Selig die Friedfertigen!“ Die Theologin betonte auch, die Soldaten seien besonderen Belastungen ausgesetzt und müssten angemessen begleitet werden.

„Das alles kann uns nicht in Ruhe lassen.“ Manche sollten die Bibel lieber nicht lesen. Die Seligpreisungen seien eine Provokation.

„Evangelische Ethik ist keine, die sagt: Hier wird aus päpstlicher Unfehlbarkeit gesprochen. Jeder einzelne Christ sollte sein Gewissen am Evangelium schärfen. Dann muss man sich mit den unterschiedlichen Gewissensgründen auseinandersetzen.“

Was auch immer man über diese außergewöhnliche Frau denkt. Eins kann man ihr nicht absprechen: In einer rat- und rastlosen Welt bewegt sie Menschen dazu, neue Wege zu denken und zu gehen. Und wem ihre Antwortsuche nicht passt, dem ruft sie zu: „Nicht die Pfarrer oder Bischöfe sind die Kirche. Wir sind Kirche. Beim Priestertum aller Getauften sind alle gefragt.“


Brücke in Alltag suchen

Die Gedenkfeier am Trottenkreuz ist seit 1984 gute Tradition und wird gemeinsam organisiert von der Stiftung Adam von Trott und dem SPD-Unterkreis Rotenburg. „Hier am Kreuz haben schon viele bekannte Persönlichkeiten gesprochen, doch müssen wir feststellen, auch dieser Raum lässt sich noch mehr füllen als wir es kennen.“ Das hatte Steffen Müller, der Vorsitzende des SPD-Unterkreises Rotenburg, zur Begrüßung gesagt.

„Zu dem Gedenken sollte auch immer eine Brücke in den Alltag gesucht werden. Denn nichts ist lähmender als das Idealisieren der Protagonisten des Widerstands als außergewöhnliche Personen. Es besteht die Gefahr, sich darauf herauszureden, dass der einfache Bürger nichts habe tun können“, betonte Müller.

„Dieser Ort ist nicht nur dazu da, dass wir uns erinnern, sondern auch dazu, dass wir einen Ausblick in die Zukunft wagen“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Adam von Trott, Dr. Dr. Reinhard Höppner. So werde die Brücke geschlagen vom Widerstand damals zum Widerstand heute.

Die Geschäftsführerin der Stiftung Adam von Trott, Ute Janßen, bedankte sich auf ihre Weise bei der Gedenk-Rednerin: „Das war ein besonderer Moment mit Ihnen hier unter dem Kreuz.“ Für den passenden musikalischen Rahmen der Gedenkfeier sorgte ein Bläser-Ensemble der Kreis-Musikschule Hersfeld-Rotenburg.

Diese Artikel sind erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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