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Imshäuser Gespräch stellte Elisabeth Schmitz und Katharina Staritz vor

Vergessen und verdrängt

"Von der Gestapo verfolgt und von der Kirchenbehörde fallen gelassen" - so qualifizierte die Theologin Katharina Staritz ihre Situation im Dritten Reich. Im Imshäuser Gespräch stellten Dietgard Meyer, die als Landespfarrerin lange für die Frauenarbeit in der kurhessischen Landeskirche zuständig war und die Oldenburger Kirchengeschichtlerin Prof. Dr. Ilse Meseberg-Haubold mit Staritz und der aus Hanau stammenden Lehrerin Elisabeth Schmitz zwei beeindruckende Frauen vor.

Die Breslauer Stadtvikarin Katharina Staritz und Elisabeth Schmitz, die sich beide aufgrund ihres christlichen Glaubens gegen die Verfolgung und Ausgrenzung von Juden wandten, überlebten die Diktatur und den Krieg. Ihr Einsatz für Menschlichkeit und ihr Mut sei allerdings auch in der Nachkriegszeit nie wirklich gewürdigt worden, betonten Meyer und Meseberg-Haubold, die gemeinsam ein Buch über Staritz und Schmitz verfasst hatten. Dietgard Meyers Beschäftigung mit Elisabeth Schmitz hat darüber hinaus noch eine andere Facette: Sie lernte Elisabeth Schmitz in den Dreißiger Jahren als ihre Lehrerin kennen und konnte so dem Imshäuser Publikum auch ein persönliches Bild zeichnen. Nach ihrer Schulzeit verband Meyer und Schmitz eine enge Freundschaft. Dennoch wusste auch Dietgard Meyer lange nichts über die Aktivitäten ihrer Lehrerin und Freundin während des Dritten Reiches. Sie schildert Elisabeth Schmitz als eine sehr wache und gut informierte Frau, die bereits 1934 die Befürchtung formulierte, dass die Gesetze und Maßnahmen gegen die Juden zu einer Katastrophe führen könnten. Sie drang in Briefen an Führungspersönlichkeiten der Bekennenden Kirche wie Karl Barth und Helmut Gollwitzer immer wieder darauf, dass die Kirche ihre Verantwortung wahrnehmen und öffentlich Stellung gegen das Unrecht nehmen müsse. 1935 verfasste sie eine umfassende Denkschrift, die sie an die Synode der BK richtete. Die Synode befasste sich jedoch nicht mit diesem Thema. Infolge der Pogromnacht ließ sich die mutige Lehrerin, die lange Zeit eine jüdische Freundin versteckte, mit 45 Jahren frühpensionieren, weil sie sich, wie sie an die Schulbehörde schrieb, außerstande sah, ihre Schülerinnen im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu unterrichten. Nach dem Krieg ließ sie sich reaktivieren, schwieg aber über ihre Aktivitäten während des Dritten Reiches.

Dietgard Meyer (links), die als Landespfarrerin lange für die Frauenarbeit in der kurhessischen Landeskirche zuständig war und die Oldenburger Kirchengeschichtlerin Prof. Dr. Ilse Meseberg-Haubold (rechts).

Staritz, die als erste Frau an der Marburger theologischen Fakultät promoviert hatte, konnte weil sie eine Frau war, kein reguläres Pfarramt bekleiden. Ilse Meseberg-Haubold schilderte, dass Frauen nur die Bezeichnung "Vikarin" führen konnten, nur eingeschränkte Kompetenzen hatten und wesentlich schlechter bezahlt wurden. Katharina Staritz übernahm in Breslau übergemeindliche Aufgaben wie beispielsweise Gefängnisseelsorge und Arbeit mit Frauen und Kindern. Gleichzeitig war sie auch zuständig für die Betreuung nichtarischer Christen, für deren Belange sie sich in einem Rundbrief an die Breslauer Pfarrer vehement einsetzte. Dieser Rundbrief führte dazu, dass sie 1942 verhaftet wurde und ein Jahr in Breitenau und im Konzentrationslager Ravensbrück verbringen musste. Meseberg-Haubold berichtete, dass sie von ihrer Kirche weder während ihrer Haftzeit noch danach spürbar unterstützt worden sei. Die für sie zuständige Kirchenleitung habe geäußert, dass sie im Prinzip "selbst schuld" gewesen sei, sie habe ja den Rundbrief nicht schreiben müssen.

Dietgard Meyer und Ilse Meseberg-Haubold machten deutlich, dass beiden Frauen ein Menschenbild gemeinsam gewesen sei, das nicht nach Rassekategorien gefragt habe. Auf ihre dringlichen Fragen habe auch die Institution, der sie sich zugehörig fühlten, nämlich die Kirche ihnen keine Antworten gegeben. Ihre widerständige Haltung und ihr Mut sei tief in ihrem christlichen Bekenntnis verwurzelt gewesen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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