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Was die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit heute zu sagen haben

Wenn die Akten lügen

20 Jahre nach der Wiedervereinigung, 20 Jahre nach der Forderung "Meine Akte gehört mir!" - wen interessieren da noch Stasi und DDR? Mit dieser zugespitzt formulierten Frage eröffnete der frühere Oberkirchenrat Ludwig Große aus Bad Blankenburg seinen Vortrag vor den Teilnehmern des Imshäuser Jahrestreffens. Dass diese Frage tatsächlich eine rhetorische war, wurde anhand der Reaktionen der Zuhörer sehr schnell klar: Große vermochte sein Publikum durch seine Präsenz und seine differenzierte Sichtweise auf den Umgang mit den Akten der Staatssicherheit schon nach wenigen Minuten zu fesseln.

Große stellte an diesem Tag sein Buch "Einspruch!" vor, in dem er Akten aus dem Bestand der DDR-Staatssicherheit seinen persönlichen Aufzeichnungen, kirchlichen Quellen und anderen widerständigen Texten gegenüberstellt.

Oberkirchenrat Ludwig Große aus Bad Blankenburg.

Große selbst war mehr als 30 Jahre lang in seiner Tätigkeit als Pfarrer, Superintendent und Oberkirchenrat Objekt eines so genannten "operativen Vorganges". Wie genau und mit wie viel Misstrauen sein Leben von der Stasi beobachtet wurde, machte er mithilfe von Auszügen aus Akten und Observierungsprotokollen deutlich. Die Akribie, mit der Beobachtungen festgehalten wurden, nahm dabei durchaus gelegentlich lächerliche Züge an. Dass aber hinter den Akten immer individuelle Lebensgeschichten stehen, wurde spätestens in dem Moment deutlich, in dem Große auf den stasi-typischen Sprachgebrauch hinwies: Ein Wort wie "Zersetzung" bedeute in diesem Kontext durchaus die systematisch Zerstörung einer Biographie mit Mitteln wie dem In-Umlauf-Setzen von Gerüchten und massiven Eingriffen in berufliche und private Beziehungen.

Die Gegenüberstellung von Stasi-Akten mit anderen Quellen wie beispielsweise den Erinnerungen von Zeitzeugen, kirchlichen Quellen und anderem Material zeige darüber hinaus, dass auch Akten lügen können. Große betonte, dass die Staatssicherheit ihr Material mit der erklärten Absicht gesammelt habe, den Beobachteten und Überwachten zu schaden. Daher müssten die Akten auch heute noch mit diesem Wissen gelesen werden. Allzu oft, so Große, komme es vor, dass Hinweise auf eine IM-Tätigkeit ohne große Nachprüfungen von Medien verbreitet würden und dass dadurch bis heute Unrecht durch Stasi-Akten geschehe. Große forderte eine völlig neue Form des Umgangs mit den Akten: Sie müssten vor ihrem Entstehungshintergrund analysiert werden und man müsse auch berücksichtigen, dass mancher der in ihnen als "Inoffizieller Mitarbeiter" geführt werde, den Behörden nicht bewusst und willentlich zugearbeitet habe; manche Unterschrift unter eine Verpflichtungserklärung sei mit perfiden Mitteln erpresst worden. Gerade in der oft hysterisch geführten Diskussion um die IM der Staatssicherheit komme es dazu, dass gerade diejenigen, die tatsächlich bewusst und willentlich für die Behörde gearbeitet hätten, nämlich die hauptamtlichen Mitarbeiter, im Hintergrund verschwinden könnten.

Die Frage nach Versöhnung und Vergebung berührte Große darüber hinaus sichtlich. Für sein Leben sei es eine grundlegende Erfahrung gewesen, dass nur die Wahrheit und nichts anderes zähle. Es müsse wieder eine Offenheit erreicht werden, in der über Schuld und Wahrheit ohne den ständigen Druck einer sensationshungrigen Öffentlichkeit gesprochen werden könnte. Gerade das Verschweigen aus Angst führe zu neuem Unrecht. Ständig getragene Masken, so Große, wüchsen mit der Zeit an.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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