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Axel Noack im Imshäuser Gespräch zu 1989

Der Griff nach dem Mantel der Geschichte

20 Jahre nach 1989 sei es mehr als notwendig, den Blick weg von den deutsch-deutschen Befindlichkeiten hin nach Europa zu weiten. Das betonte der ehemalige Magdeburger Bischof Axel Noack im Imshäuser Gespräch. Dazu gehöre auch die Erinnerung an die Beiträge der Großmächte USA und UdSSR sowie der anderen Länder der Weltgemeinschaft zum Gelingen der deutschen Wiedervereinigung.

Dass dabei die "Eltern" der Revolution möglicherweise ins Vergessen gerieten, bezeichnete Noack unter Bezugnahme auf die Überschrift der Veranstaltung als völlig normalen Vorgang. Erinnern und Vergessen und die Frage nach der Deutung seien gerade auch bei der Rückschau auf den Herbst 1989 wesentlich.

Axel Noack.

Bei der Bewertung der Ereignisse des Herbstes 1989 stoße man immer wieder auf die Frage nach der Benennung. So seien die Begriffe "Wende", "friedliche Revolution", "protestantische Revolution" durchaus gebräuchlich, würden aber jeweils sehr unterschiedlich bewertet. Als Beispiel zog Noack den Begriff "Wende" heran: Er sei vor allem durch seinen Verwender Egon Krenz geprägt und habe damit für viele der "Bürgerbewegten" bis heute einen sehr negativen Beigeschmack. Allerdings gäbe es auch von vorher bereits Belege für die Verwendung des Begriffes "Wende". Hierzu gehöre unter anderem auch der von Michail Gorbatschow 1989 geprägte Begriff "Perestrojka", der durchaus mit Wende übersetzt werden könnte. Allerdings sei die Verwendung der Bezeichnung Revolution für die Ereignisse von 1989 durchaus zutreffend. Zwar hätten diejenigen, die sie ausgelöst hätten keine Revolution intendiert. Vor allem den Basisgruppen innerhalb der evangelischen Kirche sei es vor allem um Reformen gegangen. Axel Noack betonte, dass die erstaunlichste Erfahrung, die er selbst mit 1989 verbinde, die der Gewaltfreiheit gewesen sei. Hier habe es allerdings zwei gewichtige Ausnahmen gegeben: Die von Seiten des Staates durchaus ausgeübte Gewalt und diejenige die von Demonstranten ausgegangen war, als die Ausreisewilligen aus der Prager Botschaft über Dresden per Bahn in die Bundesrepublik gebracht worden seien.

Als Auslöser der Revolution machte Noack in seinem humorvollen und lebendigen Vortrag sowohl die massenhafte Fluchtbewegung wie auch die von Gorbatschow eingeleiteten Veränderungen in der Sowjetunion aus. Aber auch die Beiträge der Nachbarländer Polen und Tschechien, Solidarnosc und die Charta 77 dürften in keinem Falle unterschätzt werden. Verdienst des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl sei es vor allem gewesen, den Zipfel vom viel zitierten „Mantel der Geschichte“ zu ergreifen und die anfangs skeptischen Nachbarländer, zu denen vor allem Frankreich und Großbritannien gehört hätten, von der Wiedervereinigung zu überzeugen.

Die Rolle der Kirchen in der DDR und ihrer Leitungen beurteilte Noack aus seiner eigenen, unmittelbaren Erfahrung als damaliger Gemeindepfarrer im Industrierevier Wolfen bei Bitterfeld dagegen eher zurückhaltend: Sie seien lange eher "Revolutionsverhinderer" gewesen und hätten durchaus zur Stabilisierung des Staates beigetragen. Den kritischen Basisgruppen seien sie lange mit einer gewissen Skepsis und Zurückhaltung begegnet.

Heute sei es, so Noack, bei aller Freude über die im Großen und Ganzen gelungene Wiedervereinigung wichtig, das Umfeld nicht aus den Augen zu verlieren. Denn nichts sei einer friedlichen Entwicklung in Europa so hinderlich, wie verarmte Nachbarländer im Osten des Kontinents.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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