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Manfred Scharrer gibt Einblick in DDR-Staatsapparat

Mit Briefen ins Stasi-Visier

Sämtliche Register der Bespitzelungs- und Fahndungsmaßnahmen zog die Staatssicherheit, als sie sich zu Beginn der 1960er Jahre auf die Suche nach einem anonymen Magdeburger Leserbriefschreiber begab: Sie überprüfte mehrere tausend männliche Teilnehmer am Berliner Deutschlandtreffen der FDJ, Soldaten der Nationalen Volksarmee und eine größere Anzahl Journalisten und "Volkskorrespondenten".

In all diesen Gruppen wurde derjenige vermutet, der zwischen 1961 und 1965 insgesamt 13 anonyme Leserbriefe an das "Neue Deutschland" und an die "Magdeburger Volksstimme" schrieb. Erst die Überprüfung des gesamten schreibmaschinengeschriebenen, aus der Stadt Magdeburg abgeschickten Postverkehrs brachte die Staatssicherheit auf die Spur von Rudolf Winkler, eines kurz vor der Pensionierung stehenden Mitarbeiters einer renommierten Musikalien- und Klavierhandlung. Der Schwiegersohn Winklers, Dr. Manfred Scharrer aus Berlin, stellte nun sein Buch "Der Leserbriefschreiber. Tatwaffe Erika" dem Publikum im Imshäuser Herrenhaus vor. Noch jetzt, 20 Jahre nach dem Untergang der DDR, brachte der Fahndungsaufwand der Stasi die Zuhörer sichtlich zum Staunen.

Dr. Manfred Scharrer.

Was Scharrer schon viel früher zum Staunen gebracht hatte, war die Tatsache, dass er die Geschichte seines Schwiegervaters erst nach dessen Tod durch die Einsicht in die Stasi-Akten rekonstruieren konnte. Scharrer betonte, dass er zwar gewusst habe, dass der Vater seiner Frau in der DDR inhaftiert und freigekauft worden sei, dass aber über diese Information hinaus in der Familie konsequent über dieses Thema geschwiegen worden sei. Mit seinem Schwiegervater habe er sehr gut Schach spielen können, aber das Reden sei schwierig gewesen.

Scharrer schilderte, dass er sofort elektrisiert von dieser Geschichte gewesen sei, er habe aber trotzdem nach der Entdeckung des Materials zehn Jahre gebraucht, bis er die richtige Form gefunden habe, um diese so deutsche Geschichte zu Papier zu bringen.

Scharrer betonte, dass Winkler kein Dissident gewesen sei. Man werde wohl nie mehr erfahren, was ihn angetrieben habe, die an sich harmlosen Briefe zu schreiben, in denen er sich seine Verbitterung über die Zustände im "real existierenden Sozialismus" von der Seele zu schreiben. Sein Angriffspunkt sei immer die Gegenwehr gegen allzu plumpe Propaganda gewesen. Die Themen, die ihn besonders bewegt hätten, seien unter anderem das Verhältnis zur Bundesrepublik und die schlechte Versorgungslage gewesen.

Die Gerichtsverhandlung, in der Winkler nach langer Untersuchungshaft und ausgiebigen Verhören mit massivem psychischem Druck zu vier Jahren verschärftem Zuchthaus verurteilt wurde, sei, so Scharrer, ein kurzer Prozess gewesen. Das Urteil habe von vornherein festgestanden. Nach einem Jahr Haft wurde Winkler von der Bundesrepublik freigekauft und auch seine Ehefrau durfte er in die Bundesrepublik ausreisen, wo die gemeinsame Tochter bereits lebte. Die Zuhörer in Imshausen zeigten sich erstaunt und betroffen über die panikartige Reaktion der staatlichen Stellen angesichts der im Prinzip harmlosen Leserbriefe. Im Grunde habe Winkler in seinen Briefen lediglich Selbstverständlichkeiten formuliert. Auch wenn er niemals politische Ambitionen gezeigt habe, sei sein Verhalten doch von Zivilcourage geprägt gewesen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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