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Martin Löwenberg im Gespräch mit Bad Hersfelder Schülern

Von Schenklengsfeld ins Rigaer Ghetto

"Deutschland war unser Land, wir fühlten uns völlig dazugehörig", für Martin Löwenberg, dessen Familie über mehrere Generationen in Schenklengsfeld ansässig gewesen war, waren die Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten eine sehr schmerzliche Erfahrung. Löwenberg, der heute mit seiner Familie in Detroit (USA) lebt und auf Einladung von Karl Honikel aus Schenklengsfeld in der Region zu Gast war, sprach im Imshäuser Herrenhaus mit Schülern der Bad Hersfelder Modellschule Obersberg.

Diese waren zusammen mit ihrer Lehrerin Jana Möhrke nach Imshausen gekommen und erfuhren über seine Lebensgeschichte, die ihn unter anderem in das Ghetto von Riga, in das Konzentrationslager Kaiserwald, in das Gefängnis in Hamburg-Fuhlsbüttel und in einem der berüchtigten Todesmärsche bis nach Kiel geführt hatte.

Martin Löwenberg.

Dass das Schicksal der Familie Löwenberg kein Einzelfall war, erfuhren die Schüler anschließend von Monica Kingreen vom Frankfurter Fritz-Bauer-Institut. Kingreen führte aus, dass rund 1000 Menschen, unter ihnen die Familie Löwenberg, aus der Region um Kassel im Dezember 1941 nach Riga deportiert wurden.

Martin Löwenberg berichtete von den zunehmenden Diskriminierungen, denen die jüdischen Einwohner auch dieser Region nach 1933 ausgesetzt waren. So wurde das Haus und Geschäft der Familie in Schenklengsfeld schon 1933 durch Brandstiftung zerstört. Seine älteren Geschwister seien schon 1933 nach Palästina ausgewandert und auch das Familienleben im nach dem Brand neu gebauten Haus währte nicht lange: Martin Löwenberg erinnerte sich, dass ihm 1936 als Achtjährigem von seinem Lehrer vorgeworfen worden sei, dass er den Führer beleidigt habe und dass der Lehrer daraufhin seine Mitschüler aufgefordert habe, ihn zusammenzuschlagen.

1938 sei die Familie - allerdings nicht freiwillig - nach Fulda umgezogen. Ihren Besitz mussten sie zu einem sehr geringen Preis verkaufen. In Fulda habe er auch die Pogromnacht im September erlebt, nach der sein Vater wie viele andere jüdische Männer im KZ Buchenwald inhaftiert wurde. Später wurde die Familie in das Rigaer Ghetto deportiert. Während seine ältere Schwester und er von dort aus in das KZ Kaiserwald gebracht wurden, wo sie die Kleidung der Deportierten und Ermordeten sortieren mussten, wurden die Eltern und die jüngeren Brüder in Auschwitz ermordet.

Löwenberg selbst und seine Schwester überlebten das Konzentrationslager und den Todesmarsch. Sie wurden vom Internationalen Roten Kreuz gerettet und nach Schweden gebracht. Später wanderten sie in die USA aus, wo inzwischen auch ihre beiden älteren Geschwister lebten. Die Erfahrung von Diskriminierung und Verfolgung habe sein Leben bis heute geprägt. Löwenberg rief seine Zuhörer dazu auf, die Menschen kennen zu lernen statt sie zu hassen. "Wir beten alle zum selben Gott", das sei eine der wichtigsten Schlussfolgerungen, die er aus seinem Leben gezogen habe.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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