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Publizist Adam Krzeminski beim Imshäuser Gespräch

Wenn Geschichte Walzer tanzt

Als „Reisender in Sachen deutsch-polnische Verständigung“ bezeichnete sich der Warschauer Publizist Adam Krzeminski im Imshäuser Gespräch, bei dem die Entwicklung seines Heimatlandes im Schlüsseljahr 1989 im Mittelpunkt stand. Es herrsche zwar Einigkeit darüber, dass Polen einer der Vorreiter der Veränderungen gewesen sei, die vor 20 Jahren die Welt in Atem hielten, dennoch würden die Ereignisse in Deutschland und Polen bis heute sehr unterschiedlich bewertet: Für die Polen sei Papst Johannes Paul II. die entscheidende Figur, während in den Augen der meisten Deutschen eher Michail Gorbatschow der Auslöser für die Veränderungen gewesen sei.

Die Ereignisse von 1989 hätten nicht nur für die Ost- und Mitteleuropäer eine völlig neue Epoche und einen neuen Abschnitt der europäischen Geschichte eingeleitet. Erstmals hätten sich damals die Länder des ehemaligen Ostblocks als Gesamtheit auf der europäischen Bühne gemeldet.

Adam Krzeminski und Moderator Urs Müller-Plantenberg

1989 habe die europäische Geschichte Walzer getanzt, sie sei nicht in den verhängnisvollen Marschtakt verfallen und es sei ein wunderbarer und vor allem gewaltloser Walzer gewesen.

Krzeminski, der als Journalist langjähriger Beobachter der Politik in Polen und Deutschland ist, betonte, dass Mitglieder der kommunistischen Führung in Polen schon Jahre vor 1989 offen zugegeben hätten, dass das System dringend reformbedürftig gewesen sei. Statt der von ihnen gehegten Vorstellung einer Reform von oben sei es jedoch zu einer echten Revolution von unten gekommen. Die Führung der DDR habe die Entwicklungen in Polen, wo es bereits im Februar 1989 einen Runden Tisch gegeben habe und wo bereits im Sommer die kommunistische Führung abgewählt worden sei, komplett ignoriert und darauf gesetzt, dass sich bei ihnen nichts verändern werde. Die deutsche Frage, die im Übrigen in Warschau immer offen gewesen sei, sei ein echter „Point of No-Return“ gewesen. Er selbst habe in seiner Laufbahn als Journalist niemals über zwei deutsche Nationen geschrieben.

Schon die Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc sei alles andere als ein Zufall der Geschichte gewesen. Bis 1989 seien allerdings die Bewegungen in den Ostblockstaaten immer ungleichzeitig gewesen. Auch im Verhältnis von Deutschland und Polen sei 1989 eine große Besonderheit gewesen. Über 200 Jahre hätten die Nachbarn in Konflikt zueinander gestanden. 1989 sei der erste Punkt gewesen, an dem erstmals keine Konfrontation stattgefunden habe. Daher habe Polen anders als Frankreich oder Großbritannien niemals Vorbehalte gegen die deutsche Wiedervereinigung gehabt habe. Die Integration in die Europäische Union sei für beide Länder eine wichtige Rückversicherung für eine friedliche Zukunft gewesen.

Die heutige Bewertung sei allerdings nach wie vor schwierig. Die Diskussion erschöpfe sich häufig in der müßigen Debatte über Henne und Ei. Es sei nicht wichtig, ob Gorbatschow tatsächlich der entscheidende Auslöser gewesen sei oder jemand anderes. Wesentlich sei allerdings, dass alle Faktoren zusammen kommen mussten, um die Veränderungen auslösen zu können. Auch der Beitrag der USA und die desolate wirtschaftliche Lage in allen Ländern des Ostblocks müsse in diesem Zusammenhang in Betracht gezogen werden. Den Wettlauf der nationalen Egoismen, darum wer nun den größten Beitrag geleistet habe, nannte Krzeminski lächerlich. Geschichte sei keine Kontinuität, sondern vor allem eine Folge von Zufällen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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