Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zur Wiedervereinigung mit Reinhard Höppner

Vom Wunder der Gewaltfreiheit

Imshausen war nicht nur der Ort, an dem der ehemalige sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Dr. Reinhard Höppner sein neues Buch "Wunder muss man ausprobieren" vorstellte, sondern, wie der Autor berichtete, auch der Anstoß zum Schreiben desselben. Auf einer Familienrüstzeit hätten Jugendliche nach der Zeit des Umbruchs gefragt und dabei sei klar geworden, dass in den letzten 20 Jahren eine ganze Generation herangewachsen sei, die die deutsche Teilung und die beiden deutschen Staaten nicht mehr selbst kennen gelernt hätten.

Höppner verband die Lesung von Passagen aus seinem Buch mit äußerst lebendigen Erzählungen, die den Zuhörern ein eindrückliches Bild von der Entwicklung vermittelte, die zu den Veränderungen von 1989 geführt hatten. Sehr plastisch waren auch seine Schilderungen der Zeit des Beitritts der neuen Länder, an denen er als Vizepräsident der ersten frei gewählten Volkskammer aktiv beteiligt war. Dabei lüftete Höppner auch das Geheimnis um den 3. Oktober als Beitrittsdatum: Im August 1990 habe der damalige Ministerpräsident Lothar de Maizière in der Volkskammer den Antrag auf Beitritt gestellt, aber trotz hartnäckiger Nachfrage kein Datum genannt. So sei das Datum letztendlich in einer kleinen Runde unter Zeitdruck vor der eilig anberaumten Sondersitzung festgelegt worden. Solche Situationen, in denen Improvisationsfähigkeit gefragt gewesen sei, habe es immer wieder gegeben. Immerhin sei die Situation damals ziemlich einmalig gewesen. Mit der Volkskammer sei ein Parlament gewählt worden, dessen wichtigst Aufgabe die eigene Abschaffung war. Dennoch seien trotz aller Schwierigkeiten größtenteils sehr vernünftige Beschlüsse zustande gekommen und ein totales Chaos habe vermieden werden können.

Dr. Reinhard Höppner.

Die Verwirklichung der Wiedervereinigung und vor allem den gewaltfreien Ablauf der Proteste im Herbst 1989 bezeichnete Höppner als echtes Wunder. Wenn sich die Menschen dabei nicht auf das Ausprobieren und Experimentieren eingelassen hätten - immerhin sei die DDR-Führung in keiner Weise vorbereitet gewesen und die gewaltsame "Lösung" sei durchaus nicht undenkbar gewesen - wäre eine so schnelle und friedliche Wiedervereinigung wohl nicht möglich gewesen. Auch seine Frau und er seien bei den ersten Demonstrationen in Magdeburg mit auf der Straße gewesen. Ihre drei damals noch recht kleinen Kinder hätten sie aus Angst beim ersten Mal nicht mitgenommen, sie seien mit einer Telefonnummer für den Notfall - "falls wir nicht wiederkommen" - zu Hause geblieben. Auch wenn letztlich alles gut gegangen sei, sei die Angst sicher nicht völlig grundlos gewesen: Immerhin sei es der Führung immer wichtig gewesen, die Fassade aufrecht zu erhalten - um fast jeden Preis.

Den Umschwung von der friedlichen Revolution hin zur "Wende" lokalisierte Höppner im November 1989. Damals sei die Forderung "Wir sind das Volk" zu "Wir sind ein Volk" geworden. Noch auf der größten Demonstration des Jahres 1989, die am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz stattfand, sei auf keinem der vielen phantasievoll gestalteten Plakate die Forderung nach der Wiedervereinigung zu finden gewesen.

Ein großer Teil der Schwierigkeiten, die sich für beide Seiten nach der Wiedervereinigung ergeben hätten, sei dadurch bedingt gewesen, dass man viel zu wenig voneinander gewusst habe: Besuche fänden immer in Sonntagssituationen statt und der Alltag konnte während der Teilung nicht geteilt werden. Auch sei die Bereitschaft wirklich voneinander zu lernen nicht ausreichend vorhanden gewesen. Das sei eine wesentliche Ursache dafür, dass "Ossis" und "Wessis" gleichermaßen auch heute noch den anderen als "komisch" wahrnähmen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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