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Ungarischer Abgeordneter Zoltan Balóg in Imshausen

Vom Vorreiter zum Schlusslicht

Ein Offizier der Staatssicherheit verkündete nach der Grenzöffnung in einem Lager für Flüchtlinge aus der DDR lauthals die "Freiheit". Das war nur eines der Erlebnisse, das der Budapester Pfarrer und Parlamentsabgeordnete Zoltan Balóg bis heute mit dem Jahr 1989 verbindet. Balóg berichtete in Imshausen jedoch nicht nur über das magische Datum vor 20 Jahren, sondern auch über die gegenwärtige Situation in seinem Heimatland: Ungarn sei heute politisch und gesellschaftlich stark polarisiert und auch wirtschaftlich gehöre es heute zu den Schlusslichtern in der EU.

Der Staat habe nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand von 1956 eine Art Pakt mit dem Volk geschlossen: Im Gegenzug für kleine Freiheiten im wirtschaftlichen Bereich, die der ungarischen Variante des Kommunismus die Bezeichnung "Gulaschkommunismus" einbrachte, hätte sich die Regierung Ruhe und Ordnung erkauft. Dies habe dazu geführt, dass sich viele Menschen in Bezug auf Politik komplett in private Nischen zurückgezogen hätten.

Zoltan Balóg.

In Bezug auf die Öffnung der Grenze nach Westen sei Ungarn jedoch 1989 Spitzenreiter gewesen: Schon im Februar 1989 hätten die Kommunisten das Mehrparteiensystem eingeführt und bereits am 2. Mai 1989 seien die Grenzanlagen - vor allem als Zugeständnis für wirtschaftliche Hilfe aus dem Westen - weitgehend abgebaut worden. Daher habe man für das medienwirksame Durchtrennen des Stacheldrahtes durch den damaligen Außenminister Gyula Horn und seinen österreichischen Amtskollegen Alois Mock am 27. Juli 89 eigens ein 100 Meter langes Teilstück wieder aufbauen müssen.

Zoltan Balóg, der zuvor als Oppositioneller immer wieder in Konflikt mit der Staatssicherheit gekommen war, arbeitete 1989 als Seelsorger in einem Auffanglager für Flüchtlinge aus der DDR und war damit unmittelbar mit den Auswirkungen der "großen" Politik konfrontiert. Er betonte, dass ihn dies von der Mehrheit der Bevölkerung in Ungarn unterschieden hätte, die sich mit den Ereignissen von 1989 zunächst nur sehr wenig beschäftigt hätte. Er sei damals sehr erschüttert gewesen, dass die erste freie Wahl nach mehr als 40 Jahren mit einer Mehrheit von mehr als 50 Prozent von der Partei der Nichtwähler gewonnen wurde.

Dieser Phase habe sich eine kurze Freiheitseuphorie angeschlossen, die allerdings leider nicht überdauert habe. Heute sei die Politik in zwei große Blöcke gespalten: Zum einen seien dies die ehemaligen Kommunisten, die heute die Regierung stellten und ein eher konservativ geprägtes Bündnis. Balóg selbst, der parteilos ist, gehört dem Block der Opposition an, für deren Politik insbesondere in Menschenrechtsfragen er gelegentlich sogar Scham empfindet. Ein "Dazwischen", so betonte er, gäbe es heute in Ungarn nicht. Wer sich politisch betätigen wolle, müsse sich einem der Blöcke zuordnen, um etwas bewirken zu können. Vom Vorreiter in Mittel- und Osteuropa sei Ungarn mittlerweile in vieler Hinsicht zum Schlusslicht geworden und auch eine wirkliche Aufarbeitung der Geschichte stehe noch aus. Dennoch wolle keiner zurück in die Zeit des Kommunismus. Balóg äußerte zum Schluss, der trotz aller Kritik versöhnlich ausfiel, dass für ihn Europa die große Chance zur Überwindung der Krise und zur Aufweichung der Polarisierung sei.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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