Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Chinesischen Studentin Jia Qiu in Imshausen

Massaker oder Zwischenfall?

Große Angst - das ist das Gefühl, das die aus Peking stammende Studentin Jia Qui, die damals gerade 12 Jahre alt war, bis heute mit den Ereignissen im Juni 1989 in ihrer Heimatstadt verbindet. "Ich möchte so etwas nie wieder erleben", das machte sie im Imshäuser Gespräch mehrmals deutlich. Das was hier im Westen als "Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens" in die Erinnerung vieler Menschen eingegangen ist, bezeichnete die Referentin als "Zwischenfall", sie illustrierte damit die offiziell von der chinesischen Regierung propagierte, die Geschehnisse eher herunterspielende Lesart.

Das was sie aus ihrer Kindheit erinnerte, hat jedoch noch eine völlig andere Dimension, die in ihrem Vortrag nahezu komplett fehlte: Mit der gewaltsamen Niederschlagung der fast zwei Monate lang andauernden Proteste endeten auch die Hoffnungen der größtenteils aus Studenten bestehenden "Demokratiebewegung", die sich durch die vorsichtige Öffnung des Landes nach Westen ermutigt gefühlt hatten. Mehrere 10.000 Menschen hatten zuvor seit April 1989 täglich für mehr Demokratie und eine weiter gehende Öffnung der chinesischen Gesellschaft demonstriert, im Mai wuchs diese Zahl noch weiter. Wer gehofft hatte, beim Imshäuser Gespräch Näheres über die Hintergründe der Ereignisse von 1989 zu erfahren, wurde enttäuscht.

Jia Qiu.

Aufschlussreicher war die Veranstaltung in Bezug darauf, dass sie einen Blick auf einen Teil der jungen Generation Chinas erlaubte, der, wie das Beispiel der Referentin zeigte, mit einer sehr qualifizierten Ausbildung und internationalen Erfahrungen aufwarten kann. Dabei war es vor allem der von Jia Qiu deutlich herausgestellte Stolz auf China, der für westliche und speziell für deutsche Ohren teils befremdlich wirkte.

Jia Qui kritisierte vor allem, dass die westlichen Medien dazu neigen würden, die Zustände in China verfälscht und verzerrt darzustellen. Sie schilderte dies anhand der Ereignisse in Tibet, die im Vorfeld der Olympischen Spiele für Aufsehen gesorgt hatten. Die westlichen Medien hätten sich ihrer Einschätzung nach eindeutig gefälschter Bilder bedient und die Situation sehr viel dramatischer dargestellt, als sie tatsächlich gewesen sei. Sie äußerte die Vermutung, dass bestimmte politische Gruppen in Tibet und im Ausland die internationale Aufmerksamkeit im Umfeld der Spiele skrupellos für ihre Zwecke hätten ausnutzen wollen. Jia Qiu wies die Forderungen nach einer Autonomie für Tibet zurück. Die Chinesen hätten die Tibeter, die zuvor in einem Feudalsystem gelebt hätten, befreit. Auf der anderen Seite verwahrte die Referentin sich gegen jegliche Einmischung des Westens in die Politik ihres Heimatlandes. Sie wolle nicht, dass China von außen ein fremdes Normensystem aufgepfropft werde.

Für viele der Zuhörer in Imshausen, die anschließend sehr kontrovers und engagiert auch über Fragen der Menschenrechte diskutierten, blieb am Ende ein leicht bitterer Nachgeschmack: Offensichtlich waren hier zwei sehr unterschiedliche Wirklichkeiten und Weltsichten aufeinander gestoßen, die sich nicht miteinander in Einklang bringen ließen. Darüber konnten auch die harmonischen Bilder aus einem Werbefilm für China, den Jia Qiu am Ende ihres Vortrages zeigte, nicht hinwegtäuschen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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