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Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe sprach über deutsche Geschichtsbilder

1989 war der Wiederbeginn

"Die Zukunft ist mehr als eine Hochrechnung der Gegenwart" - mit diesem Plädoyer für eine gemeinsame Arbeit an der Erinnerung an die deutsche Teilung schloss Ulrike Poppe ihren Vortrag beim Imshäuser Gespräch. In ihm ging es allgemein um die Entwicklung von Geschichtsbildern und im Besonderen um die Erinnerung an die DDR. Dass dieses Thema die Menschen auch in unserer Region besonders bewegt, wurde spätestens bei der anschließenden, sehr lebendigen Diskussion deutlich.

Ulrike Poppe, die heute Mitarbeiterin im Bereich Zeitgeschichte und Politik bei der Evangelischen Akademie zu Berlin ist, war bereits lange vor 1989 als Bürgerrechtlerin aktiv. Sie gründete mehrere Netzwerke und Gruppen und wurde mehrmals festgenommen. 1983 wurde sie zusammen mit Bärbel Bohley wegen "Verdachts auf landesverräterische Nachrichtenübermittlung" verhaftet und erst nach sechs Wochen aufgrund großen Drucks aus dem Ausland freigelassen. 1989 gehörte sie zu den Gründern von "Demokratie jetzt" und zu denjenigen, die nach der "Wende" am "Runden Tisch" Platz nehmen durften.

Ulrike Poppe.

Ulrike Poppe betonte, dass derzeit von allen Seiten beklagt werde, dass das Bild der DDR, das in den Köpfen der meisten Menschen vorherrsche, nicht der Wirklichkeit entspreche. Gerade junge Menschen wüssten oft sehr wenig und das Nicht-Wissen trage zusammen mit Gegenwartsproblemen wie Arbeitslosigkeit maßgeblich dazu bei, dass in der Rückschau die tatsächlichen Verhältnisse in der DDR verharmlost und verklärt würden. In der Erinnerung vieler ehemaliger DDR-Bürger werde die DDR zunehmend zum sozialen Paradies, in dem sich der Staat intensiv um die Belange seiner Bürger gekümmert habe. Negative Erinnerungen, die mit dem Leben in der Diktatur untrennbar verbunden seien, würden demgegenüber tendenziell ausgeblendet, durch die Diskussion entstehe bei einigen ehemaligen DDR-Bürgern der Eindruck, dass der "Westen" sich auch noch ihrer Geschichte beraubte.

Ostalgische Verklärung sei nur eines der Symptome dafür, dass der radikale Systembruch der mit der "Wende" einher ging, noch längst nicht ausreichend verarbeitet worden sei. Während die Menschen im Westen sich kaum verändern mussten, waren die Menschen in den neuen Bundesländern gezwungen, sich mit radikal anderen Bedingungen auseinanderzusetzen. Die DDR sei an den Westen angeschlossen worden, zu einer Diskussion über eine gemeinsame Verfassung, die sich viele der Bürgerrechtler gewünscht hätten, sei es nicht gekommen.

Hinzu käme noch, dass für die Menschen im Westen, die in einer offenen Gesellschaft aufgewachsen seien, die Erinnerung an die DDR vor allem durch Repression und Stasiknast geprägt sei. Der "normale Alltag", der das Leben der meisten Menschen im kleineren deutschen Staat maßgeblich prägte, käme demgegenüber kaum vor. Diesen Alltag gelte es, so Poppe, in die Erinnerung aufzunehmen, ohne darüber die Verbrechen des Regimes zu verharmlosen und die Erinnerung mit einem "Weichzeichner" zu bearbeiten. Poppe regte an, auch das Kapitel 1989 in einem neuen Licht zu betrachten: Schließlich hätte sich die DDR-Bevölkerung aus eigener Kraft befreit und selbst den demokratischen Umbruch eingeleitet. In der Bundesrepublik habe zu dieser Zeit fast niemand mehr ernsthaft an die Möglichkeit einer Wiedervereinigung geglaubt. 1989 sei daher nicht als Ende, sondern als Wiederbeginn der Geschichte zu verstehen. Nur auf dieser Basis sei eine gemeinsame Bewertung der deutschen Geschichte und eine gemeinsame Zukunft möglich.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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