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Imshäuser Gespräch thematisiert die "missbrauchte Sprache"

Die Sprache als Verführerin

Es ist nicht die Sprache allein, mit der Menschen sich verführen lassen - ihr Einfluss ist weniger direkt, als es zunächst scheint. Auch Diktatoren vertrauen nicht allein auf ihre Macht, sondern bedienen sich zusätzlicher Kontrollinstanzen: Geheimpolizeien und Gefängnisse gehören in aller Welt zu ihrem Repressionsinstrumentarium. Zu diesem für manche der Zuhörer und Gesprächsteilnehmer in der nahezu vollbesetzten Halle des Imshäuser Herrenhaus war dieses Fazit, das der Göttinger Sprachwissenschaftler Professor Gerhard Lauer zog ein wenig überraschend, hatten sie den Einfluss von Sprache doch offensichtlich sehr viel größer eingeschätzt.

Dennoch: Der Prägung durch Sprache können wir nicht entgehen, die Wortwahl spiele, so Lauer auf jeden Fall eine wesentliche Rolle. Sie könne durch gezielte Verwendung inhumaner Begriffe zur Verharmlosung führen und so durchaus Handlungen vorbereiten. Das habe sich während des Nationalsozialismus gezeigt und werde bis heute immer wieder sichtbar. Nicht zuletzt die in jedem Jahr gekürten Unwörter, zu denen Begriffe wie "Kollateralschaden", "Ethnische Säuberung" und "Gotteskrieger" gehörten, spiegele wider, wie sehr die Sprache das Bewusstsein beeinflusse. Andererseits sei aber gerade die Wahl der "Unwörter" eine sprachkritische Aktion, mit deren Hilfe in den letzten Jahren eine zunehmende Sensibilität für Sprache erreicht worden sei.

Prof. Gerhard Lauer.

Lauer betonte, dass die Wortwahl auch entscheidend für die Bewertung geschichtlicher Ereignisse sei. So habe Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner historischen Rede zum 40jährigen Jahrestag des Kriegsende erstmals den Begriff "Befreiung" für die Charakterisierung des 8. Mai 1945 verwendet. Zuvor seien unter anderem eher Bezeichnungen wie "Tag der Scham", "Zusammenbruch" oder "Niederlage" gebräuchlich gewesen.

Ein literarisches Beispiel für die Instrumentalisierung von Sprache zur Stabilisierung eines Terrorregimes führte Lauer ebenfalls an: In George Orwells Roman "1984" sei die Sprache "Newspeak" ein wesentliches Element der Repression und Beeinflussung. So würden hier beispielsweise Zwangsarbeitslager als "Lustlager" und das Kriegsministerium als "Friedensministerium" bezeichnet.

In der anschließenden lebhaften Diskussion wurden noch weitere Gesichtspunkte angesprochen: So sei Sprache niemals neutral, sondern stets auch in Mittel um Hierarchien auszudrücken. Das spiegele sich sowohl in Bezug auf "männliche" oder "weibliche" Sprache wider. Auch Sprachmissbrauch und die Verwendung von Schlüsselsätzen wie "Das Boot ist voll" in der Debatte um das Asylrecht habe einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Menschen.

Eine ganz neue Perspekive sei, so Lauer, jedoch im aktuellen Geschehen des US-Wahlkampf zu beobachten: Der designierte Präsident Obama habe vor allem mit positiv bewerteten Aussagen wie "Yes, we can!" oder "Change" punkten können. Sein Redestil zeige deutliche Anklänge an religiöse Reden und beweise, dass diese in den USA eine nicht zu unterschätzende Bedeutung habe.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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