Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Erinnerungen lebendig halten

Imshäuser Gespräch über jüdische und christliche Gedenktradition

"Solches tut zu meinem Gedächtnis!" Diese Aufforderung findet sich in jeder Abendmahlsfeier. Dass dieser Satz als Überschrift über dem Imshäuser Gespräch mit dem Theologen Professor Dr. Rainer Kessler aus Marburg stand, war selbstverständlich kein Zufall: Die Einsetzungsorte zum Abendmahl bilden eine der zentralen Stellen in Bibel und Tora, in denen Erinnern und Gedenken im Mittelpunkt steht.

Erinnerung kann auf viele Arten lebendig gehalten werden: In Archiven, in Fotoalben, in Erzählungen und eben in schriftlicher Form, wie unter anderem in der Bibel. Kessler betonte, dass sich ein Großteil der kulturellen Leistungen einer Gesellschaft auf das Gedenken und Erinnerung bezögen, dies gelte besonders auch für religiöse Gemeinschaften, die sich auch über Feste mit historischen Wurzeln und die damit verbundenen Bräuche definierten. Die heiligen Schriften und auch die überlieferten Feste seien somit wiederum Archive, in denen das "kollektive Gedächtnis" einer Gemeinschaft seinen Platz fände.

Prof. Dr. Rainer Kessler.

Das Besondere an der biblischen Gedenktradition sei, dass hier nicht menschliche, sondern die Taten Gottes im Mittelpunkt stünden. Besonders prägnante Stellen fänden sich bereits in den Büchern Mose, in denen an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten erinnert werde. Kessler erläuterte, dass hier das Erinnern eine ganz praktische Funktion annehme: Es werde zum Trost und helfe bei der Bewahrung der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ein wichtiger Aspekt, der die biblische Gedenktradition von anderen "Geschichts-" und "Heldenepen" unterscheide, sei, dass hier auch menschliches Versagen benannt werden könne und dass hier aus der historischen Erinnerung heraus Regeln für soziale Gerechtigkeit formuliert würden.

Eine wesentliche Bedeutung maß der Referent auch dem Zusammenhang zwischen Erinnern und Vergessen bei. Bei beidem gehe es immer um die eigene Identität. In der Antike sei das bewusste Vergessen, die "damnatio memoriae", eine Strafmaßnahme gegen diejenigen gewesen, die Unrecht getan hätten. Vergessen, so Kessler, sei an sich ein durchaus notwendiger Vorgang, nicht alles könne bis in alle Ewigkeit bewahrt werden. Das Gedenken sei bis zu einem gewissen Punkt immer Kampf um die Deutung der Vergangenheit, das lasse sich nicht zuletzt auch an den hitzigen Diskussionen der Gegenwart ablesen: Ob DDR-Bild, RAF-Verbrechen oder die Debatte um das Berliner Holocaust-Mahnmal, überall zeige sich, dass das Gedenken selbst politisch alles andere als unschuldig sei.

Im Mittelpunkt des Gedenkens müssten grundsätzlich die Opfer stehen, darüber war man sich auch in der anschließenden lebhaften Diskussion einig. Gerade bei solchen Verbrechen wie denen der Nationalsozialisten dürfe nicht der "gnädige Schleier des Vergessens" über die Täter gebreitet werden. Einer der Gesprächsteilnehmer brachte es auf den Punkt: Dem Vergeben komme in diesem Prozess eine wichtige Schlüsselfunktion zu.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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