Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Jiri Silny über den Prager Frühling

Erinnerung an Klima der Angst

Studentenunruhen im Westen, der Prager Frühling im Osten: Das so prägende Jahr 1968 wurde völlig unterschiedlich wahrgenommen. Diese Erkenntnis wurde bei der Diskussion nach Dr. Jiri Silnys Vortrag über den "Prager Frühling" während des Imshäuser Jahrestreffens deutlich.

Auch wenn damals keine Soldaten der Nationalen Volksarmee in der Tschechoslowakei einmarschierten, war das Ende des "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" für viele DDR-Bürger ein echtes Trauma. Dr. Reinhard Höppner, der Vorsitzende der Stiftung Adam von Trott und Moderator der Veranstaltung, betonte, dass es vor allem das offene Klima und der "umwerfende" Diskussionsstil gewesen seien, die bei vielen Bürgern im "real existierenden Sozialismus" große Hoffnungen geweckt hätten.

Dr. Jiri Silny.

"Wir waren viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt", so brachte es hingegen einer der im Westen sozialisierten Diskussionsteilnehmer auf den Punkt. Zwar habe man die Ereignisse in Prag durchaus mit Betroffenheit zur Kenntnis genommen, aber für die westdeutschen "68er" hätten andere Themen im Vordergrund gestanden. Gemeinsam sei allen Bewegungen des Jahres 1968 eine starke emanzipatorische Komponente gewesen.

Jiri Silny schilderte seine ganz persönliche Sicht auf die Ereignisse des August 1968 in seiner Heimatstadt Prag. Er könne sich noch gut an das Klima der Angst erinnern, das auch in seiner Familie nach dem Einmarsch der Truppen aus den "Bruderländern" geherrscht habe. Damals habe für viele kritische Menschen die Frage "Bleiben oder gehen?" eine große Bedeutung bekommen. Er selbst habe sich allerdings für die Emigration in die Kirche entschieden. Damals sei die Kirche ein Ort der Freiheit in der Unfreiheit gewesen. Diese Rolle habe sich allerdings nach 1989 eklatant verändert: Die Kirche sei gegenwärtig auf einem sehr konservativen Kurs, sodass die Gründung der Ökumenischen Akademie, der Silny als Direktor vorsteht, für ihn ein bewusster Rückweg in die Zivilgesellschaft gewesen sei.

Nach 1989 hätten die Ideen des Prager Frühlings erstaunlich wenig Einfluss auf die Entwicklung in Tschechien gehabt. Es habe schlicht die Vision des Neuen, noch nie Dagewesenen gefehlt, die 1968 eine wichtige Triebfeder gewesen sei. Silny kritisierte die heutige Politik in seinem Heimatland als sehr stark von neoliberalen Einflüssen und großer Arroganz geprägt.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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