Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Ungeschriebene Briefe eines Vaters las Peter-Ulrich Schedensack

Wir haben es in der Hand

Von Gudrun Schankweiler-Ziermann

"Er wirft mir vor, dass ich die zwölf Jahre gestrichen habe, dass ich mich verstecke... Ob er mich hasst?... Den Vater in Teile zerlegen, das will er, in brauchbare und unbrauchbare..." Der Autor Peter-Ulrich Schedensack trägt ungeschriebene Briefe eines Vaters und ehemaligen SS-Mannes an seinen Sohn vor.

"Wie soll man erklären, was normal war?", fragt der Vater. Das zum Teil von weither angereiste Publikum im Herrenhaus der Stiftung Imshausen lauscht konzentriert, wenn Schedensack sein eindringliches literarisches Psychogramm dieses Vaters entwickelt, der nicht sein eigener ist, wie er betont.

"Lasst uns in Ruhe mit Eurer Sucht nach Erinnerung. Braucht Ihr unsere dunklen Ecken?... Er will meine Beichte und dann noch den Priester spielen", so formuliert der literarische Vater. Er habe nach dem Krieg als junger Mann einfach neu anfangen wollen. Und heute möchte er nur noch seine Ruhe haben.

Schedensack arbeitet die Facetten des Vaters heraus, der von Anfang an kein individueller Vater ist. Er ist ein Repräsentant der Vätergeneration, die nach dem Krieg meistens geschwiegen hat. Als Zuhörer des ehemaligen Lehrers Schedensack, selbst Jahrgang 1938, wird man hineingezogen in die kollektive Psyche dieser Vätergeneration. Was haben sie Schlimmes getan, und trotzdem haben wir sie geliebt."

Der Autor stellte aber auch die Söhne und Töchter vor Fragen, die keine einfachen Antworten zulassen. So war die Diskussion im Anschluss an die Lesung lebhaft - nach zunächst betroffenem Zögern. Viele erinnerten sich an die eigenen Väter - die Mütter kamen kaum vor. Schweigen, Sprachlosigkeit kennzeichneten am häufigsten die Beziehungen zu diesen Vätern, wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus ging. Ute Janßen, Geschäftsführerin der Stiftung Adam von Trott, erklärte wie andere auch: "Ich habe nie gefragt."

"Was haben sie Schlimmes getan, und trotzdem waren sie unsere Väter, und wir haben sie geliebt." Diese Ambivalenz zu zeigen, sei ihm wichtig gewesen, sagte Schedensack. Als von psychischer Verwundung und Traumatisierung die Rede war, provozierte dies Widerspruch: Nimmt man nicht wieder die Verantwortung ab nach dem Motto, wir konnten ja nichts machen?", war Clarita Müller-Plantenbergs Befürchtung. Daher wehrte sie sich gegen den Begriff der Traumatisierung. "Ich frage vielmehr nach dem Sohn, nach mir." Auch Dr. Günther Burckhardt wollte wissen: "Wo stehen wir?"

Michael Held bezweifelte gar die Brauchbarkeit der künstlerischen Form angesichts des Themas. Entscheidend sei die Demokratie, hieß es am Ende der von Jochen Cornelius-Bundschuh moderierten Veranstaltung. Es gelte, sie zu bewahren: "Wir haben es in der Hand."

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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