Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Traditionen als Schutzhütte

Imshäuser Gespräch mit Prof. Dr. Heiner Bielefeldt

"Integration ist immer die Integration von Menschen, nicht von Kulturen." Mit diesem Satz brachte Prof. Dr. Heiner Bielefeldt aus Berlin, der Leiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte, seine Botschaft auf den Punkt. Er hielt in Imshausen einen Vortrag über Integration. Dazu eingeladen hatte die Stiftung Adam von Trott. Dabei erläuterte der Referent kurz die Entwicklung dieses Begriffs in den vergangenen Jahrzehnten vor den wechselnden Sachverhalten deutscher Einwanderungspolitik.

Aus dem Gastarbeiter wurde der ausländische Mitbürger. Die multikulturelle Euphorie ist nach der Erfahrung von Zwangsehen, Ehrenmorden und sogar Genitalverstümmelungen bei Frauen in Deutschland der Debatte über Leitkultur und Parallelgesellschaften gewichen, betonte Prof. Bielefeldt. Oft würden sich patriarchalische Strukturen erst vor dem Hintergrund der Emigration verfestigen. Grund dafür sei die Unsicherheit im fremden Land, die die Familienangehörigen zusammenrücken lasse. Sie suchen Schutz in den aus dem Abstammungsland mitgebrachten Traditionen.

Auch das Gefühl, von der Umgebung auf die jeweilige Kultur oder Religion reduziert zu werden, führe oft zu einer neuen Identifizierung mit dem Hergebrachten, erklärte Bielefeldt. Das Kopftuch beispielsweise werde dann aus einem Gefühl des "Jetzt-Erst-Recht" heraus getragen.

Die Kopftuchdebatte wollte der Redner stellvertretend für andere kulturelle Unterschiede im Licht der Menschenrechte verstanden wissen. "Das Kopftuch zu tragen, wenn es denn nicht einem Menschen aufgezwungen wird, ist zunächst ein Stück persönliche Freiheit, das nicht beschnitten werden darf." Freiheit, Würde und Gleichberechtigung aller Menschen müssten die Grundlagen des Integrationsprozesses bilden. Er forderte Genauigkeit im Umgang mit nicht-tolerierbaren Erscheinungen, um Möglichkeiten der Veränderung zu finden.

"Leider wird durch die Medien ein verzerrtes Bild von der Auseinandersetzung zwischen den sogenannten Kulturkreisen gezeichnet", sagte Prof. Bielefeldt. "Sie sind auf die Konfrontation fixiert, Beiträge zur De-Eskalation sind meist keine Meldung wert."

Die Fragerunde und Diskussion nach dem Vortrag konzentrierte sich auf Integrationsprobleme im Zusammenhang mit dem Islam. Teilnehmer aus Bebra führten an, dass mit gemeinsamen Aktionen wie der Nacht der offenen Gotteshäuser Brücken geschlagen und das Verständnis für die Anderen vertieft werden könnten.

Eine russlanddeutsche Emigrantin brachte die Diskussion auf den Punkt und erntete dafür Beifall: "Wenn man sich mehr auf den Menschen konzentriert, treten Gemeinsamkeiten zu Tage." Man müsse den Menschen in erster Linie als Mitmenschen sehen, nicht als Vertreter einer Kultur oder Religion. "Ein schlechter Mensch ist ein schlechter Mensch, egal welcher Nationalität!" (zsm)

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


Artikelarchiv seit 2005

In unserem Artikelarchiv finden Sie alle Berichte aus und über Imshausen geordnet nach Jahren:

2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011 2010 2009 2008 2007 2006 2005


Imshäuser Gespräche

'Imshäuser Gespräche' sind eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Stiftung, bei der in etwa monatlicher Folge aktuelle Themen und Fragestellungen aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft oder Ökumene in einer Abendveranstaltung erörtert werden.
Dazu lädt die Stiftung kompetente Personen als Referentinnen/ Referenten ein. Einem einführenden Vortrag folgt jeweils eine ausführliche Aussprache.
Innerhalb kurzer Zeit haben sich die 'Imshäuser Gespräche' zu einem beachteten und anerkannten Forum der politischen Auseinandersetzung und Meinungsbildung in der Region Nordosthessens entwickelt.