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Wahre Einstellung versteckt

Friedhelm Röder sprach in Imshausen über das Leben eines Widerstandskämpfers

Ein Abituraufsatz von 1923 und drei Abschiedsbriefe von 1943 ­ diese beiden Texte stellte Dr. Friedhelm Röder einander gegenüber, um die Besucher des Imshäuser Gesprächs mit dem Leben von Dr. Georg Groscurth vertraut zu machen. Groscurth, der in Unterhaun geboren wurde, war als Arzt und Wissenschaftler in Berlin tätig und gründete zusammen mit Robert Havemann die Widerstandsgruppe „Europäische Union”, die 1943 verraten wurde. Er und die anderen Mitglieder wurden hingerichtet.

Anders als sein prominenter Mitkämpfer Havemann, der überlebte, wurde Groscurth in der Nachkriegszeit weitgehend vergessen. Der Hersfelder Arzt Friedhelm Röder beschäftigt sich jedoch bereits seit mehreren Jahren intensiv mit der Geschichte des Widerstandskämpfers.

Den Besuchern im Imshäuser Herrenhaus gab Röder anhand der von Groscurth verfassten Texte einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt des Arztes. So zeigte er, dass Groscurth von Anfang an ein Gegner der Nationalsozialisten war. Geprägt vom ländlichen Leben im Haunetal und von der bündischen Wandervogelbewegung entwickelte er sich zum Humanisten und Sozialisten.

Eher zufällig sei Röder im Verlauf seiner Recherchen auf den Abituraufsatz mit dem Thema „Was schulden wir dem Vaterland?” gestoßen. Dieser wirkt auf den ersten Blick für seine Entstehungszeit nicht ungewöhnlich. Jedoch enthielte der Text im Vergleich zum Aufsatz eines Klassenkameraden zahlreiche doppeldeutige, verschleiernde Formulierungen, die beim genauen Lesen interessante Rückschlüsse auf Groscurths tatsächliche Einstellung zuließen, betonte Röder.

Damit sei das „Tarnkappenprinzip”, das die Widerstandstätigkeit Groscurths geprägt habe, schon zu jener Zeit in Ansätzen sichtbar geworden. Sehr deutlich werde Groscurths Haltung auch in den Abschiedsbriefen an seine Familie, die er unmittelbar vor der Hinrichtung schrieb. Er betonte, dass er „tapfer und ungebeugt” stürbe und sein einziges Ziel „ein Leben ohne Menschenhass” sei.

In der anschließenden Diskussion plädierte Röder vehement dafür, auch Widerstandskämpfer nicht zu Sockelhelden zu stilisieren. Man müsse ihre Taten und ihre Persönlichkeit im persönlichen und historischen Kontext betrachten. Widerstandskämpfer seien keine Vorbilder, die man ohne nachzudenken nachahmen dürfe. Groscurth und seine Mitkämpfer hätten verfolgten Menschen geholfen, weil es ihnen in der damaligen Situation nötig erschienen sei, nicht weil sie Helden hätten werden wollen, sagte Röder. (red)

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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