Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Sich ein Herz gefasst: Gedenkbuch erinnert an evangelische Märtyrer

Ihr schreckliches Ende schaut an

Der Referent wollte keine Eulen nach Athen tragen: Schließlich werde bei den Gedenkfeiern in Imshausen am 20. Juli der Geist von Adam von Trott lebendig gehalten. Sie "erinnern an den Mann, der sein eigenes Leben eingesetzt hat, weil er ein so überzeugter Christ war", sagte Dr. Harald Schultze, einer der Herausgeber des über 700 Seiten starken Gedenkbuchs "Ihr Ende schaut an - Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts".

Am Freitagabend stellte er das Werk, das an das Schicksal von nahezu 500 protestantischen Blutzeugen erinnert, bei den Imshäuser Gesprächen der Stiftung Adam von Trott vor. Weil er die Eulen in Athen ließ, erwähnte Dr. Schultze nicht nur bekannte wie Dietrich Bonhoeffer oder die Geschwister Scholl, sondern stellte jene vor, die unbekannt und fast vergessen seien. Der gebürtige Jenaer, Mitglied der Kommission für Kirchliche Zeitgeschichte in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), erläuterte zudem die Auswahlkriterien für die dargestellten Schicksale und die historischen und theologischen Gedanken zum Begriff des Märtyrers und seines evangelischen Gebrauchs. Während es in der katholischen Kirche ein großes Märtyrerverzeichnis gebe, habe man sich auf evangelischer Seite erst spät "ein Herz gefasst" und Schicksale von 1905 bis zum Ende des Herrschaftsbereichs der Sowjetunion zusammengefasst.

"Es sind schreckliche Geschichten, und viele andere gehören noch dazu", machte Dr. Schultze auf die Unvollständigkeit der Dokumentation aufmerksam. Gerade im 20. Jahrhundert seien unzählige Christen aller Konfessionen in den Diktaturen des Nazismus und Kommunismus zu Märtyrern geworden. "Die Grenzen zum Märtyrer sind zu diskutieren", sagte der ehemalige Professor aus Halle, "wir können aber als Wissenschaftler zu dieser Auswahl stehen", sagte er und erinnerte neben Paul Schneider an Henning von Tresckow, der sich am 21. Juli 1944 an der Ostfront das Leben nahm, weil ihm nach dem Scheitern des Attentats nur Verhaftung, Verrat an den Freunden und Hinrichtung blieben.

Auch die Schicksale von Dr. Fritz Vahldieck und Dr. Friedrich Weissler beleuchtete er eingehend. Frauen hätten viel Schlimmes durchlitten, nur wenige seien aber umgebracht worden. Und das "zu Tode kommen" sei ein Kriterium, um als Märtyrer in die Geschichte einzugehen. Ulrich von Hassel habe man in die Dokumentation aufgenommen, obwohl er kein Mitglied der bekennenden Kirche gewesen sei, wohl aber aus einer "erkennbar christlichen Überzeugung" gehandelt habe.

Beim Imshäuser Gespräch diskutierte man im Anschluss an den Vortrag angeregt über die Auswahl und stellte unter anderem den Begriff Märtyrer infrage. Rücken die Frauen und Männer, die als Märtyrer bezeichnet werden, weiter weg von den Menschen, statt ihnen ein Leitbild für Mitmenschlichkeit zu sein? "Wir haben keinen besseren Begriff", sagte Dr. Schultze auf den Einwand und appellierte, den Geist der Märtyrer in den Gemeinden lebendig zu halten. (zwk)

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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