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Thema Rechtsextremismus

Gast in Imshausen: Professor Dr. Dietfrid Krause-Vilmar

Eine "bündige Antwort" hatte er nicht parat. Doch wenngleich Professor Dr. Dietfrid Krause-Vilmar seine Zuhörer zu Beginn erst einmal mit dieser Aussage ernüchterte, entließ er sie am Ende nicht resigniert. "Ohne die anstrengende Verarbeitung würde der aktuelle Rechtsextremismus noch viel schlimmer aussehen", sagte der Erziehungswissenschaftler aus Kassel zum Abschluss seines Referats am Samstagabend.

Anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages war der Professor zu Gast bei den Imshäuser Gesprächen im Visser't Hooft Haus und nahm seine Zuhörer mit auf eine bislang noch nicht erforschte Reise in die Vergangenheit. "Ist die Bewältigung der NS-Vergangenheit in Hessen gelungen?" fragte er und stellte fest, dass das "Abtragen dieser Hypothek" mit vielen Umwegen verbunden gewesen sei. Massenmorde und Verbrechen der Nazis seien letztlich für den Menschen nicht zu begreifen. "Man kann seine Gesinnung nicht ablegen wie ein altes Kleid", sagte er und zitierte Hanna Ahrens und Erich Lewinsky, die erschrocken gewesen seien über die Gefühlsunfähigkeit und die Verharmlosung, die sie im Nachkriegsdeutschland erlebten.

Und so nannte Krause-Vilmar denn auch die Zeit zwischen 1946 und 1963 als "Jahrzehnte des öffentlichen Problem-Umgehens". Gleichwohl über die Gerichtsreportagen des Auschwitz-Prozesses medial mit großer Aufmerksamkeit berichtet worden sei, habe es in dieser Zeit auch viele Be- und Verhinderungen für eine zeitgeschichtliche Forschung gegeben. Im Hessischen Landtag und den Ausschüssen seien Entschädigung und Wiedergutmachung Thema gewesen. Eine kritische öffentliche Auseinandersetzung mit den unvorstellbaren Verbrechen, eine "selbstkritische Reflexion", habe es jedoch nicht gegeben, sagte der Professor. Die Verbrechen seien umschrieben und Worte wie Deportation oder Konzentrationslager vermieden worden.

1979 habe es durch die amerikanische Serie "Holocaust" einen Gefühls-Zusammenstoß des westdeutschen Fernsehpublikums mit seiner eigenen, weithin verdrängten Vergangenheit gegeben. Die Zuschauer hätten vehement und voller Erschütterung auf das Schicksal der Familie Weiss reagiert. Die NS-Zeit sei öffentliches Thema geworden und eine grundsätzliche Diskussion sei in Gang gesetzt worden.

Geschichtswerkstätten und Erinnerungsinitiativen seien entstanden. "Eine zeitgeschichtliche Bewegung setzte ein", erklärte Krause-Vilmar. Durch engagiertes Vorangehen Einzelner habe Anfang der 80er-Jahre in Hessen eine Auseinandersetzung stattgefunden, die auch von der Landesregierung dem Landtag und den hessischen Kommunen unterstützt worden seien. Die Bewältigung braucht nach Meinung von Professor Dr. Krause-Vilmar ein Schuldeingeständnis, die Anerkennung der Verfolgten und Opfer, die Verurteilung der Täter sowie eine "vorsorgende politische Bildung".

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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