Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Dass nicht Lüge herrsche

Friedrich Schorlemmer hielt seine Zuhörer beim Imshäuser Gespräch in Atem

Von Vera Walger

Friedrich Schorlemmer ist ein Mann mit Ausstrahlung. Das liegt an seiner melodiösen Stimme, an seinen sprechenden Händen, an seinem Gesicht, dessen Mimik in Sekundenschnelle wechseln kann von Verzweiflung zu Heiterkeit. Es liegt an seiner Ernsthaftigkeit und an seinem Humor. Wenn der bekannte Pfarrer und Publizist aus Wittenberg spricht, so wie am Freitagabend in Imshausen, dann hören ihm die Menschen zu. Wenn er etwas gesagt hat, dann glaubt man, etwas Bedeutungsvolles, ja Großes gehört zu haben. Selbst dann, wenn man es nicht wirklich verstanden hat.

Es ist nämlich gar nicht so einfach, den Gedanken des Dr. h.c. Schorlemmer zu folgen. In Windeseile schraubt er sie in immer höhere Höhen, lässt gewichtige Worte auf seine Zuhörer niederprasseln, um dann mal eben abzuschweifen. Blitzschnell wechselt er zwischen biblischem Ernst und alltäglichen Witzchen. Allzu konkret zu werden, ist seine Sache nicht. Er nennt selten Namen, er ist ein Meister des "Ihr wisst schon, wen ich meine."

"Die Lügen der Macht, die Macht der Lügen und die biblischen Propheten." Das war Schorlemmers Thema im Herrenhaus. Dicht besetzt waren die Stuhlreihen beim Imshäuser Gespräch. Schorlemmers Kernaussagen lassen sich so zusammenfassen: Die Lüge lebt unter uns, bei den Machthabern, auch in unserem demokratischen Rechtsstaat. Sie verbreitet sich über Massenmedien, sie schleicht sich in unser Leben, gewinnt Macht über uns, auch weil wir selbst in Lüge verstrickt sind. Wenn wir sie nicht erkennen, wenn wir unseren Blick nicht wach halten, wird es gefährlich. "Demokratie kann zur manipulativen Despotie werden, und zwar, ohne dass die Menschen das merken."

Von seinen Erfahrungen mit Lüge und Macht in der DDR erzählte Friedrich Schorlemmer. Im SED-Staat sei es einfacher gewesen, meinte er, denn dort war die Unwahrheit offensichtlich. "Ich komme aus einem System, da konnte ich die Lüge erkennen", sagte er. "Ich lebe in einem, da lerne ich noch." Denn dass, wie er geglaubt hatte, "im Westen nicht gelogen wird", habe sich sehr bald als Illusion erwiesen. Schorlemmer nannte dafür immer wieder Beispiele, von Pearl Harbour bis zum Irak.

Schorlemmer appellierte an seine Zuhörer, wichtige politische Entscheidungen mit kritischem Blick zu verfolgen. "Zuerst denken: Es könnte gelogen sein." Den gleichen Blick, wie ihn schon die biblischen Propheten hatten. Propheten, das sind "Menschen, die die Fähigkeit und den Mut haben, zu sagen, was ist. Und die auch sagen, was wird, wenn wir alles so lassen, wie es ist."

Das Imshäuser Gespräch des Vereins Stiftung Adam von Trott moderierte Joachim Garstecki. Der geschäftsführende Studienleiter ist seit vielen Jahren mit Friedrich Schorlemmer befreundet.

Wie können wir die Schizophrenie unserer Zeit aushalten? Wie mit der Lüge leben, ohne den Mut zu verlieren? Wie Verbündete finden? Das waren Fragen, die die Zuhörer in Imshausen an Schorlemmer richteten.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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