Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Was wir nicht wissen wollen

Über den Klimawandel sprach Dr. Hans-Jochen Luhmann in Imshausen

Von Vera Walger

Der Schnee vorm Imshäuser Herrenhaus hat sich am Freitagabend merkwürdig verwandelt. Um 19 Uhr hatte ihn noch keiner leiden können. Eineinhalb Stunden später war er irgendwie lieb geworden, ein richtiger Tröster. Denn wenn er Mitte März so beharrlich da herumliegt - dann kann es doch so schlimm nicht sein mit dem Klimawandel, oder? Kann es doch. Und dass man sich fünf Minuten nach dem Vortrag von Hans-Jochen Luhmann schon wieder trösten kann, ist der Beweis dafür, dass der Klimaforscher recht hat: Wir wollen einfach nicht wahr haben, dass sich die Erde erwärmt, weil viel zu viel Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt. Wir tun so, als sei das Wirkliche nicht wirklich.

„Der ,Homo industrialis’ und der Klimawandel: Wo liegt der Kern des Widerstands gegen die volle Einsicht in die klimapolitische Herausforderung?” hatte Luhmann seinen Vortrag genannt. Es war der zweite in einer Reihe zum Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen, die die Stiftung Adam von Trott veranstaltet.

Ungemütliche Wahrheiten waren es, die Dr. Luhmann detailliert und unerbittlich vor seinen Zuhörern ausbreitete. Er erklärte, dass seit der industriellen Revolution und ihrem maßlosen Griff auf die fossilen Brennstoffe das Gleichgewicht der Erdatmosphäre gestört wird, vor allem durch die Erhöhung der Konzentration des Kohlendioxids - ein Problem, das sich nicht technisch, sondern nur durch ein grundlegendes Umdenken lösen ließe. Folge ist der so genannte Treibhauseffekt, Indikator der Veränderung die Temperatur. Die Crux dabei: „Es braucht Zeit, bis sich der Effekt zeigt.”

Der Temperaturanstieg heute ist also eine Folge dessen, was vor 30 Jahren getan wurde. Was wir heute unterlassen, hat möglicherweise katastrophale Auswirkungen, wenn unsere Kleinkinder erwachsen sind.

Die Klimapolitik, sagte Dr. Luhmann, sei im Wesentlichen ein Kampf zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern - eine Art Armdrücken auf einem Floß, das auf den Abgrund zutreibe. Warum aber wird nichts Entscheidendes unternommen, um den Klimawandel mit seinen unvorhersehbaren Folgen aufzuhalten? Warum werden die anerkannten Ziele der Klimapolitik nicht umgesetzt, wenn an den Polen schon das Eis schmilzt? Warum wollen wir nicht sehen, dass wir uns selbst den Boden wegziehen? Der Wuppertaler Wissenschaftler wusste Antworten: „Weil wir in unseren Kerninteressen getroffen würden.” Weil damit die industrielle Form des Wirtschaftens als Ganzes in Frage gestellt würde. Da flüchten wir uns lieber in Skeptizismus oder Zynismus. Oder in den Schnee.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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