Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Die doch noch das Richtige taten

Imshäuser Gespräch über Hilfe für Juden in letzter Minute

Von Vera Walger

Wie ist es möglich, den Holocaust zu begreifen, den millionenfachen Mord? Wir stehen heute oft hilflos davor. Und wissen nicht, wie wir Gedenktage wie den 27. Januar, den Tag, als vor 61 Jahren das Vernichtungslager Auschwitz befreit wurde, würdig begehen sollen. Opfer, Täter, auch Widerstand werden zu Begriffen, die nicht zu fassen sind.

Eine Hilfe ist es, den Blick vom Großen weg auf das Kleine zu richten, am besten auf die eigene Familie. Dr. Heinz Joachim Held, Bischof i.R., hat das getan. Und er stieß auf die Geschichte der Helfer und Retter: auf beherzte evangelische Pfarrer, die 1944 jüdische Mitbürger in ihren Kellern versteckten, um sie vor der Deportation zu bewahren.

Im Imshäuser Herrenhaus erzählte der Theologe vom Ergebnis seiner Recherchen, eingeladen hatte die Stiftung Adam von Trott. Mit großem Nachdruck, fast überdeutlich und überlaut, ließ Dr. Held seine Zuhörer teilhaben an dem Schicksal einiger Menschen in der Stadt Essen im Jahre 1944. Im September begann im Ruhrgebiet die Deportation der letzten verbliebenen Juden. Es waren so genannte privilegierte Juden, etwa, weil sie in „Mischehen“ mit christlichen Partnern lebten, erzählte er. Einige von ihnen meldeten sich bei den evangelischen Pfarrern ihrer Ehepartner. Auch bei Heinrich Held, Heinz Joachim Helds Vater, oder dessen Freund Johannes Böttcher.

Diese Pfarrer „wussten, was jetzt dran war“, wie Dr. Held es ausdrückte. Sie entschlossen sich, das Richtige zu tun, und versteckten ihre jüdischen Mitbürger. So wurden sie zu Rettern, denn die versteckten Juden überlebten. Unterstützt wurden die Pfarrer nicht nur von ihren Ehefrauen, sondern auch von vielen verschwiegenen Helfern in der Gemeinde.

„Was hat sie bewogen?“ Das war eine Frage, die Dr. Heinz Joachim Held sehr beschäftigte. Und er glaubte, einige Antworten gefunden zu haben: Sie waren gläubige Christen und Pfarrer, die ihre Aufgabe als Hirten ernst nahmen. Sie waren „Menschen mit Herz und Verstand, unerschrocken und unverblendet, politisch wach, entschlossen und risikofreudig“. Ob sie besonders mutig waren? „Sie waren einfach hilfsbereit.“

Nach dem Krieg sprachen Heinz Joachim Helds Eltern nicht mehr über die letzten sieben Kriegsmonate. „Auch weil es beschämend wenig war, was man getan hatte, und zu spät“, glaubt der Sohn. „Am Ende war es nicht der Rede wert angesichts des ungeheuren Grauens.“ War es nicht der Rede wert? Für die Überlebenden schon.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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