Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Der Erfolg der Frauen

Über den Protest 1943 in der Berliner Rosenstraße sprach Dr. Antonia Leugers

Von Vera Walger

Die Rosenstraße in Berlin Anfang März 1943: Eine Woche lang protestieren vor allem Frauen gewaltlos dagegen, dass ihre Männer und Kinder in einem Verwaltungsgebäude festgehalten werden. Die Frauen fürchten, dass ihre Angehörigen deportiert werden. Sie leben in so genannten Mischehen, das heißt, ihre Männer sind Juden. Der Protest hat Erfolg. Nach einer Woche werden die Festgehaltenen freigelassen. So wurden die Ereignisse in dem Film „Rosenstraße” von Magarethe von Trotta dargestellt. Und so interpretiert sie auch Dr. Antonia Leugers, die am Freitagabend in Imshausen zu Gast war.

Es gibt aber auch eine andere Sichtweise. Die Kirchenhistorikerin bezog Stellung in einem „kleinen Historikerstreit”, der um den Protest in der Rosenstraße entbrannt ist. Die Gegenposition, vertreten vor allem von Wolf Gruner, lässt sich so zusammenfassen: Die 2000 Menschen, die nach einer Großrazzia („Fabrik-Aktion”) in dem Sammellager an der Rosenstraße festgehalten wurden, sollten von Anfang an nicht deportiert werden. Vielmehr ging es darum, sie zu registrieren und 200 von ihnen auszuwählen für Tätigkeiten in den jüdischen Institutionen der Stadt - ihre Vorgänger dort wurden deportiert. Eigentlich beschäftigt sich Antonia Leugers in ihrem Forschungsprojekt an der Technischen Universität Dresden mit einem ganz anderen Thema. Doch ihr Berufsethos habe sie dazu bewogen, sich einzumischen, erzählte sie beim Imshäuser Gespräch. In ihrer Freizeit „und ganz ohne Bezahlung” forschte sie und erstellte gemeinsam mit Kollegen einen Sammelband mit neuen Erkenntnissen über die Rosenstraße.

„Ich möchte frei reden, deshalb sage ich hier und da ein ´Äh’ wie der Stoiber” begann die 49-Jährige schmunzelnd. Die „Ähs” waren allerdings Mangelware in ihrem Vortrag. Das Problem war eher, dass die Worte zu rasch flossen. Für die Zuhörer im Herrenhaus, die nicht involviert sind in den Historikerstreit, war es nicht immer einfach zu folgen, wenn Dr. Leugers vehement ihre Position gegen die des „Herrn Gruner” verteidigte. Mithilfe von Folien stellte Leugers dar, was im Februar/März 1943 in Berlin geschehen ist. Sie fasste auch zusammen, was sie und ihre Kollegen in dem Sammelband geschrieben haben. Als entscheidende Stütze ihrer Argumentation präsentierte die Kirchenhistorikerin einige Quellen, unter ihnen kirchliche. Quellen, die auch wichtig sind im Zusammenhang mit der Bewertung der Rolle der Kirche im Nationalsozialismus. Und Dr. Antonia Leugers stellte die Rosenstraße in den Kontext der Zeit: Als die Frauen protestierten, war Stalingrad bereits vorbei. Das Dritte Reich habe sich in seiner schwächsten Phase befunden. Auch deshalb sei das Erstaunliche möglich gewesen: „Der Protest hat etwas bewirkt.” Literaturhinweis: Antonia Leugers (Herausgeber): Berlin, Rosenstraße 2-4: Protest in der NS-Diktatur. Neue Forschungen zum Frauenprotest in der Rosenstraße 1943.

Dr. Antonia Leugers, Theologin, Religionspädagogin und Kirchenhistorikerin, ist 1956 im Emsland geboren. Nach dem Abitur in Braunschweig studierte sie in München, Münster und Paderborn. Sie promovierte in Münster über einen Juristen aus dem Umfeld des Kreisauer Kreises. Zurzeit arbeitet Dr. Leugers in einem interdisziplinären Forschungsprojekt der Deutschen Forschungsgesellschaft zur historischen Bildungsforschung an der Technischen Universität Dresden. Sie lebt in München.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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