Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Der erweiterte Blick

Reinhard Höppner beleuchtete den deutschen Einigungsprozess

Von Vera Walger

Reinhard Höppner ist gelernter Mathematiker. Das merkt man seinem Vortrag durchaus an. Da gibt es die Ordnungspunkte 1., 2., 3., gefolgt von den Unterpunkten 1., 2., 3., verschachtelt mit den Unter-Unterpunkten 1., 2., 3. - und spätestens jetzt kann kein anderer mehr der Gliederung folgen. Das ist aber nicht so wichtig. Schließlich ist Dr. Reinhard Höppner viel mehr als Mathematiker. Der Sozialdemokrat war Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, er war und ist ein Kirchenmann mit wichtigen Positionen, und nicht zuletzt ist er Vorsitzender des Fördervereins Herrenhaus Imshausen. In eben diesem Herrenhaus sprach Höppner am Freitagabend über die deutsche Einheit.

„Sie konnten zusammen nicht kommen...?” hatte er sein Referat genannt, Auftakt des Imshäuser Studientages zu diesem Thema. Was er, der immer so alt war wie sein Heimatland DDR, beitrug, kann man mit „Erweiterung der Perspektive” überschreiben. Mit dieser Perspektive beurteilte Höppner den Einigungsprozess letztlich überraschend positiv.

Dass so recht nicht zusammenwachsen will, was doch „zusammengehört”, habe tiefere, längerfristige Ursachen als allgemein angenommen, erläuterte Höppner. So habe es in Deutschland schon Jahrhunderte vor der Teilung ein Ost-West-Gefälle gegeben. So sei auch die soziale Struktur beider Länder unterschiedlich gewesen - dadurch etwa, dass viele Adlige und bürgerliche Intellektuelle die DDR verlassen hatten.

Auch die Ereignisse des Herbstes 1989 beurteilte Dr. Höppner aus einem erweiterten Blickwinkel. Die Wende sei nicht allein das Werk der Revolutionäre, der Bürgerrechtler gewesen. Das war eine Strömung. Es gab noch zwei weitere: Zum einen die Massen, die „rauswollten”. Und dann gewisse elitäre Schichten, bis ins Zentralkomitee der SED hinein, die die DDR zu diesem Zeitpunkt im Grunde aufgegeben hatten, wie Höppner meinte. Schließlich könne man das schnelle Implodieren des Systems auch bereits als Teil der Globalisierung auffassen. Dr. Höppner: „Die Zeit der Abgrenzung dieser Art war schlicht vorbei.”

Nach der Wende habe es viel Enttäuschung gegeben, auf beiden Seiten, stellte Höppner fest, nicht nur in ökonomischer Hinsicht. Viele Ostdeutsche fühlten sich als Verlierer - auch weil ihre Vergangenheit in der gesamtdeutschen Geschichte zunehmend den Charakter einer Fußnote trage. Eine Diskriminierung, die zu Resignation führe. Für die Zukunft lohne es, sich die gemeinsam gemachten Erfahrungen bewusst zu machen, sagte Reinhard Höppner. Schließlich hätten die Deutschen gelernt, dass zivilgesellschaftliche Kräfte wesentliche gesellschaftliche Veränderungen hervorbringen können - ohne Krieg. Es lohne sich auch, vorzudenken, für das, was sein könnte, auch in einer Zeit, in der das Marktdenken die alles beherrschende Ideologie sei. „Die Zeit kommt, wo man das braucht, das haben wir gelernt.” Wenn es den Deutschen gelänge, die großen Zukunftsaufgaben gemeinsam anzupacken, werde das Zusammenwachsen gelingen. Die unterschiedliche Entwicklung in den einzelnen neuen Bundesländern war eines von vielen Themen in der Diskussion. Die fünf Länder seien gar nicht so weit voneinander entfernt, meinte Höppner.

Bis auf einzelne Ballungsgebiete „wird der Osten wirtschaftlich eine schwache Region bleiben.” Aber vielleicht würden gerade in dieser Region die Weichen gestellt für die Lebensstile der Zukunft. Dr. Höppner: „Ich finde, man kann auch in einer wirtschaftlich schwächeren, aber sehr schönen Region glücklich werden.”

Der persönliche Blick

Marianne Subklew erzählte ihre deutsch-deutsche Geschichte

Das Persönliche ist es doch, was uns am meisten interessiert. Das war am Samstagvormittag in Imshausen ganz deutlich zu spüren. Gebannt und mit viel Lachlust folgten die Teilnehmer des Studientages zum deutschen Einigungsprozess dem lebendigen und humorvollen Vortrag von Dr. Marianne Subklew. Die Theologin hatte nämlich den Mut, die jüngste deutsche Geschichte aus ihrem ganz eigenen Blickwinkel zu erzählen. „Sie spricht mir aus der Seele”, flüsterte eine Frau im Publikum vor sich hin. Und stand damit sicherlich nicht allein.

Dr. Subklews deutsch-deutsche Erfahrung ist eine besondere. 1963 in Greifswald geboren, lebte sie bis zur Wende in der DDR. Sie lernte Elektrikerin, wandte sich später der Theologie und Politologie zu, ist Mutter von vier Kindern. Die Nach-Wendezeit erlebte sie noch in Greifswald, 2001 zog die Familie nach Hamburg um, wo ihr Mann eine Stelle als Pfarrer antrat. Seit diesem Jahr ist Marianne Subklew Leiterin der Arbeitsstelle „Gewalt überwinden” der Nordelbischen Kirche.

Als Frau in der DDR, im Osten, als er Westen wurde, und als Ostfrau im Westen: Diese drei Schritte gliederten den Vortrag, den Dr. Subklew „Wechseljahre - Deutschlandreise von Vorpommern nach Hamburg” genannt hatte. Einiges habe dafür gesprochen, dass in der DDR Gleichberechtigung gelebt wurde, meinte sie - 92 Prozent der Frauen waren berufstätig, die Kinderbetreuung war gesichert. Diese - mit Einschränkungen - gelebte Gleichberechtigung stand und fiel mit den äußeren Bedingungen. Die Frauen in der zum „Westen” mutierten DDR sahen sich plötzlich damit konfrontiert, dass die Rolle der Geschlechter ein Problem wurde. Sie mussten lernen, was eine „Gleichstellungsbeauftragte” ist, und dass sie durchaus ihre Funktion hat. „Im Osten habe ich nie darüber nachgedacht, dass ich eine Frau bin. Heute denke ich jeden Tag daran”, so formulierte es eine Freundin von Marianne Subklew.

Am ausführlichsten erzählte Marianne Subklew von ihren Erfahrungen in Hamburg. Dort sei sie zunächst tief verunsichert worden. Erwartungen wurden an sie gestellt, mit denen sie nicht gerechnet hatte. Sie, die an ihrer Dissertation arbeitete, sollte Pfarrfrau sein, die sich um die Gemeinde kümmert, treu sorgende Mutter, die sich auch in den Betreuungseinrichtungen engagiert. Sie musste damit klarkommen, dass die Diskussion um die Kinderbetreuung ideologisch geführt werde. Und sie sah sich mit einem Problem konfrontiert: der schwierigen Kommunikation zwischen Ost- und Westdeutschen. Unterhaltsam würzte Dr. Subklew mit Beispielen aus dem Leben, was empirisch belegt ist: Ostdeutsche kommunizieren anders als Westdeutsche: langsamer, bescheidener. Eine Frage beschäftigte Dr. Marianne Subklew noch, bevor dem Vortrag eine lebhafte Aussprache folgte: „Warum trifft es mich so, was über den Osten gesagt wird, seit ich im Westen lebe?” Wenn zum Beispiel die Mutter, die ihre Babys getötet hat, so ganz anders, nämlich ideologisch, bewertet wird als der Menschenfresser von Rotenburg - keiner sei auf die Idee gekommen, dessen Tat als Folge des Kapitalismus zu bewerten. „Wer möchte ich sein?” Sich diese Frage zu stellen habe sie im Westen gelernt, erklärte Dr. Subklew. Die Antwort: Mutter, Ehefrau und ein berufstätiger Mensch. Und jemand, der eines Tages sagen kann: „Dieses unendlich fremde Land ist meine Heimat.”

Aufbau Ost gescheitert

Imshäuser Studientag zum Einigungsprozess

15 Jahre ist es her, dass sich die beiden deutschen Staaten vereinigten. Trotzdem sind längst nicht alle Probleme gelöst, die mit der deutschen Teilung zusammenhängen. Das Gespräch zwischen Ost und West nicht einschlafen lassen und über Deutschlands Rolle im zusammenwachsenden Europa nachdenken - das sind Anliegen, dem sich die Stiftung Adam von Trott in Imshausen programmatisch verpflichtet fühlt. Deshalb veranstaltete die Stiftung einen Studientag, der unter der Überschrift „Schwieriges Zusammenwachsen? Bilanz, Kritik und Perspektiven des deutsch-deutschen Einigungsprozesses 1990 bis 2005” stand.

60 Teilnehmer, etwa ein Drittel von ihnen aus dem Osten der Republik, nutzten das Angebot, teilte Joachim Garstecki mit. Garstecki, geschäftsführender Studienleiter der Stiftung, leitete und moderierte die Tagung. Bei den Referenten überwogen die ehemaligen DDR-Bürger. Das spiegele einen Teil des Problems wider, meinte Garstecki: Es sei nicht einfach gewesen, Gesprächspartner aus dem Westen zu finden, die sich mit der Problematik intensiv auseinander gesetzt hätten. So war es Professor Rolf Wernstedt, dem einstigen niedersächsischen Kultusminister, vorbehalten, die „Westperspektive” beizusteuern. Mit einem Vortrag von Dr. Reinhard Höppner, dem ehemaligen Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, wurde die Tagung eröffnet (siehe oben). Auf dem Programm standen außerdem Referate von Dr. Marianne Subklew und Dr. Hans Misselwitz. Am abschließenden Podiumsgespräch nahm auch Dr. Dr. h.c. Heino Falcke, Theologe aus Erfurt, teil. Zum Programm gehörte ebenfalls eine Lesung mit dem Autoren Landolf Scherzer aus Dietzhausen (Thüringen). Er stellte sein Buch „Der Grenz-Gänger” vor, das im Aufbau-Verlag erschienen ist. „Gute Impulse und Anregungen” habe der Imshäuser Studientag gebracht, resümierte Joachim Garstecki. Auch habe er von den Teilnehmern viele positive Rückmeldungen bekommen. Gut gelungen sei es, in den Beiträgen Reflexion und Erfahrungsberichte zu mischen. Joachim Garstecki stammt selbst aus der DDR. Wie beurteilt er den Erfolg der deutschen Vereinigung? „In Teilen gelungen, in Teilen nicht”, antwortet er. Das Projekt „Aufbau Ost” sei im Grunde gescheitert. Ökonomisch gehe es nun eigentlich um einen Rückbau statt um einen Aufbau - eine Folge globaler Entwicklungen. Für die Zukunft seien die Ostdeutschen aber ganz gut gerüstet, meint Garstecki. Improvisationsgabe, Fähigkeit, mit Mangel auszukommen, Erfindungsgeist - alles das könne man gut gebrauchen.

Alle Artikel sind erschienen in der HNA Rothenburg.


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