Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Schwieriges Miteinander

Imshäuser Gespräch zum Zusammenleben von Christen und Muslimen

Das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Deutschland ist heute spannungsvoller und kritischer als noch in den 80er und 90er Jahren. Die Aufgabe, den gesellschaftlichen Frieden zu wahren und zu festigen, sei schwieriger geworden. Das ist die Bilanz eines Gesprächs, zu dem die Stiftung Adam von Trott nach Imshausen eingeladen hatte. Dort trafen sich etwa 25 christliche und muslimische Frauen und Männer, die in dem Projekt „Christlich-islamische Friedensarbeit in Deutschland” zusammenarbeiten. Getragen wird es von zwei christlichen Friedensorganisationen und zwei muslimischen Dachverbänden. Zwischen den am Projekt engagierten Christen und Muslimen sowie den Freunden der Stiftung und anderen Interessenten aus der Region ergab sich ein lebhafter, teilweise kontroverser Austausch.

In dreißig Jahren habe man sich zwar im Alltag kennen gelernt, Nachbarn und Arbeitskollegen seien miteinander vertraut, oft genug seien richtige Freundschaften entstanden, sagten die Gesprächspartner in Imshausen. Darüber hinaus gebe es an vielen Orten Begegnungen zwischen Kirchen und Moscheegemeinden, man arbeite zusammen in sozialen und kommunalen Aufgaben. Solche guten Erfahrungen und Fortschritte werden aber zunehmend überdeckt und in Frage gestellt von Spannungen und gegenläufigen Entwicklungen, die das Zusammenleben erschweren und den gesellschaftlichen Frieden bedrohen.

Statt sich weiter zu integrieren, so der allgemeine Eindruck, ziehen sich die türkischen und andere muslimische Familien in ihre traditionellen Lebensformen und eigenen Gemeinschaften zurück. Mehr Mädchen und Frauen tragen heute ein Kopftuch.
Jugendgruppen mit kriminellen Tendenzen bilden sich, in den Moscheen werden radikale Einstellungen gepredigt, Politiker sehen die Gefahr von „Parallelgesellschaften” und Gettos. Ängste breiteten sich aus vor einem Islam, der als fremd und potenziell gewalttätig gesehen wird.

Die muslimischen Teilnehmer an der Gesprächsrunde der Stiftung Adam von Trott in Imshausen zeichneten allerdings ein ganz anderes Bild der Lage. Die in Deutschland lebenden Menschen islamischen Glaubens seien in der Regel ganz normale Mitbürger und Mitbürgerinnen, die hier bleiben und in Ruhe ihr Leben im Rahmen der hiesigen Ordnungen und Möglichkeiten gestalten wollen.

Natürlich bringe ihre Herkunft aus der Türkei und anderen Regionen der islamischen Welt eine Lebensweise und Kultur mit sich, die in vielem anders ist als die hiesige. Aber solche Pluralität in der Gesellschaft sei unausweichlich in einer globalisierten Welt und müsse nicht als bedrohlich, sondern könne doch auch als Bereicherung gesehen werden. Statt dessen aber werde in der Öffentlichkeit, vor allem seit den Terroranschlägen des 11. September, über den Islam und die muslimische Bevölkerung fast nur noch negativ berichtet. Die hier lebenden drei Millionen Muslime werden pauschal verdächtigt, Störenfriede oder sogar potenzielle Gewalttäter zu sein.

Dem entsprechend würden sie argwöhnisch behandelt, oft genug massiv diskriminiert. So haben Jugendliche, die teilweise schon in der dritten Generation hier leben, ganz schlechte soziale und berufliche Chancen. Viele muslimische Menschen fühlten sich deshalb unter einem ständigen Druck und leben in Angst. Unter solchen Bedingungen müsse es nicht verwundern, wenn sie sich zurückziehen in den Schutzraum vertrauter Lebensformen und Gemeinschaften oder manche von ihnen aggressiv reagieren und radikalen Einstellungen zuneigen.

Die Teilnehmer der Gesprächsrunde der Stiftung Adam von Trott diskutierten auch über die Ursachen für das schwierigere Miteinander von Christen und Muslimen.
Das Gespräch in Imshausen ergab eine Reihe von Gründen. Einer davon sei die wirtschaftliche Flaute und die Krise auf dem Arbeitsmarkt. In Zeiten sozialer Schwierigkeiten wachsen Unsicherheit und Konkurrenzangst, der Druck suche sich ein Ventil und finde es in den Fremden, die eigentlich gar nicht hierher gehören und bloß Arbeitsplätze wegnehmen. Hinter dieser Einstellung wird laut Mitteilung freilich ein tieferer Grund sichtbar: eine verfehlte Politik, deren oberster Grundsatz über Jahrzehnte war: Deutschland sei kein Einwanderungsland. Wenn es keine Einwanderer gibt, sind auch keine Bemühungen um eine nachhaltige Integration nötig. Deshalb sei der allgemeine Ruf zwar richtig, die muslimische Bevölkerung müsse sich zur demokratischen Ordnung bekennen und gesellschaftlich integrieren. Aber dieser bleibe so lange heuchlerisch, als die Mehrheit der Gesellschaft sich ihr gegenüber nur halbherzig öffnet und die Politik ihrerseits wenig ernsthafte Anstrengungen zur Integration macht. Integration ist aus Sicht der Gesprächspartner eben zweiseitig und etwas anderes als einseitige Anpassung.

In den vergangenen Jahren sei noch ein anderer Grund zur Verschärfung hinzu getreten: ein global agierender Terror, der seine Wurzeln in der islamischen Welt hat, und der westliche „Krieg gegen den Terror”. Die Auswirkungen dieses Konflikts und die dadurch ausgelösten Kontroll- und Abwehrmaßnahmen haben sich als düsterer Schatten des Misstrauens und der Angst über alle Bemühungen um ein offenes und friedliches Zusammenleben gelegt.

Schwieriger Weg zur guten Nachbarschaft
Teilnehmer der Gesprächsrunde empfehlen Begegnungen und Erlebnisse

Die Teilnehmer der Gesprächsrunde in Imshausen zum Miteinander von Christen und Muslimen haben laut Pressemitteilung einen Wunsch. Die Gruppe betonte: Wir dürfen uns nicht auseinander reißen oder gegeneinander aufbringen lassen. Das gelte überall dort, wo in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz, im Kindergarten oder auf dem Sportplatz durch gute Erfahrungen miteinander Vertrauen gewachsen ist. Im Gegenteil! Alle, denen es um den Frieden in der Gesellschaft gehe, sollten dieses Vertrauenskapital pflegen und vermehren.

Der Weg zum Frieden gehe über menschliche Begegnungen, gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen. Das ist nicht einfach in einem Klima der Angst, aber wenn Menschen ihre Religion ernst nehmen, können sie Angst überwinden. Auch die Kirchen und Moscheegemeinden sollten deshalb enger zusammen rücken und sich mit den gutwilligen Kräften in unserer Gesellschaft verbünden, um radikale Elemente im einen wie im anderen Lager isolieren zu können. Auf einer solchen Basis gelte es dann, konkrete Schritte zu einer offenen Partnerschaft zu tun: in der Bildungspolitik, in der sozialen Chancengleichheit, in der öffentlichen Repräsentanz, in der politischen Teilhabe. Es sind laut Pressemitteilung nicht naive Gutmenschen, die das empfehlen, sondern es sind die wirklichen Realisten.

Die globalen Konfrontationen mit ihren wirtschaftlichen und politischen Interessenskonflikten lassen sich wenig beeinflussen. Wir können aber einiges tun, lautet das Fazit des Imshäuser Gesprächs, damit sie den Frieden in unserem Land nicht bedrohen oder zerstören.


Imshäuser Gespräche

'Imshäuser Gespräche' sind eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Stiftung, bei der in etwa monatlicher Folge aktuelle Themen und Fragestellungen aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft oder Ökumene in einer Abendveranstaltung erörtert werden.
Dazu lädt die Stiftung kompetente Personen als Referentinnen/ Referenten ein. Einem einführenden Vortrag folgt jeweils eine ausführliche Aussprache.
Innerhalb kurzer Zeit haben sich die 'Imshäuser Gespräche' zu einem beachteten und anerkannten Forum der politischen Auseinandersetzung und Meinungsbildung in der Region Nordosthessens entwickelt.


Artikelarchiv seit 2005

In unserem Artikelarchiv finden Sie alle Berichte aus und über Imshausen geordnet nach Jahren:

2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011 2010 2009 2008 2007 2006 2005