Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Ein Gesicht, das alles erzählt

Monica Bleibtreu war in Imshausen "Rose"

Von Vera Walger

Es genügt, in Monica Bleibtreus Gesicht zu sehen. Dieses Gesicht, das so eigenartig schön ist. Es kann Dinge erzählen, für die Worte nicht ausreichen. Am Mittwochabend in Imshausen gab es viele Momente, wo das nötig war. "Rose" heißt das Stück von Martin Sherman, mit dem Monica Bleibtreu zu Gast war.

Jeder Platz im Herrenhaus war besetzt, als die Schauspielerin sich auf eine einfache Holzbank setzte und anfing zu sprechen. Auf dieser Holzbank sitzt Rose, weil sie eine Totenwache hält. Sie ist 80 Jahre alt und musste in ihrem Leben schon oft Totenwache halten. Rose ist Jüdin, 1920 in der Ukraine geboren, und sie hat das Furchtbare erlebt. Was sie, widerstrebend, aus ihrem Leben erzählt, handelt von Verfolgung, von Ghetto, von Tod.
Es handelt aber auch vom Überleben, von der Zeit danach. Diese Totenwache, es ist ihre letzte, hält sie jedoch für ein palästinensisches Mädchen. Roses eigener Enkel hat dieses Mädchen erschossen - aus der Familie der Opfer ist ein Täter hervorgegangen.
"Rose" in der Inszenierung von Adelheid Müther hatte im November 2001 an den Hamburger Kammerspielen Premiere. Das Gastspiel in Imshausen war Teil des Kultursommers Nordhessen. Am Ende gab es sehr herzlichen, lang anhaltenden Beifall für die prominente Darstellerin.
Monica Bleibtreus Rose hat viele Seiten. Sie ist eine grantige alte Frau mit Turnschuhen, die Tabletten einwirft, Eis löffelt und Marlboros raucht. Sie ist eine Frau, die sich an Liebe, an Angst und an die Toten erinnert und den Schmerz in ihrem Gesicht trägt. Sie ist eine scharfzüngige und witzige Berichterstatterin.
Jede dieser Facetten beherrscht Monica Bleibtreu souverän. Sie ist schnodderig und völlig ungekünstelt, sie ist leise und intensiv. Sie wirft fast beiläufig Sätze in den Raum, die aufhorchen lassen. Sätze wie: "Vielleicht ist Gott nur eine Frage, wie alles andere." Sie zeigt eine Frau, die gelitten hat und geliebt. Und da, wo der Text seine Schwächen hat, wo die Lebensgeschichte ins Plakative abzugleiten droht, hat Monica Bleibtreu etwas, für das allein sich das Kommen gelohnt hat: ihr Gesicht.

erschienen in der HNA/Rotenburg-Bebraer Allgemeine vom 29.07.2005


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