Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Reformen für Menschen, nicht für Märkte!

Der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach sprach in Imshausen über Gerechtigkeit und Solidarität

Schlechte Zeiten für Gerechtigkeit? Die Reformvorhaben der „Agenda 2010“ reformieren den Sozialstaat, aber so, dass die einen die Gewinne einstreichen und die anderen die Risiken tragen. Ist vielleicht die Rückkehr der Gerechtigkeitsfrage in die Gesellschaft gerade deshalb zu erwarten, weil nicht das im Reformpaket steckt, was außen drauf steht? So die Ausgangsthese beim letzten Imshäuser Gespräch vor der Sommerpause. Es wurde ein langer und spannender Abend.

Der Jesuit Friedhelm Hengsbach, renommierter Wirtschafts- und Gesellschaftsethiker an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, war kurz vor seiner Emeritierung nach Imshausen gekommen, um seine Erwartungen an Reformen „mit Profil und Perspektive“ vorzustellen. Jenseits parteipolitischer Engführungen fragte Hengsbach, was von den neuen florierenden Gerechtigkeitsformeln - z. B. Leistungsgerechtigkeit, Chancengerechtigkeit, Beteiligungsgerechtigkeit, - übrig bleibt, wenn wir sie kritisch unter die Lupe nehmen. Hecheln sie den Markt-Regeln hinterher, oder dienen sie der gerechten Verteilung des Mangels?

Hengsbachs Antwort lautet: Weil die Verteilungsgerechtigkeit, die den Sozialstaat geprägt und den Zusammenhalt der Gesellschaft garantiert hat, als nicht mehr zeitgemäß gilt, wird der Gerechtigkeitsbegriff zurückgestutzt: Gerechtigkeit als Rest-Posten desMarktes. Die Forderung nach sozialem Ausgleich gehört aber auch in einer pluralen Gesellschaft zu den unverzichtbaren Aufgaben des Staates. Wenn die Grundlagen der Erwerbstätigkeit wegbrechen, muss der Staat, statt Risiken nur zu privatisieren, eine erweitere ,„konstitutionelle Solidarität“ erfinden,
öffentlich organisiert und aus Steuern finanziert.

Ob er mit dieser Auffassung nicht hoffnungslos isoliert sei, wollte jemand wissen. Hengsbach ist zuversichtlich. Er sieht Chancen des Handelns zum Besseren: effektive Kontrolle der Finanzmärkte, Schaffung neuer Gütermärkte, die Erwerbsarbeit und Vollbeschäftigung ermöglichen, Arbeiten an brach liegenden öffentlichen Aufgaben, personen-nahe Dienste am Menschen, Fortsetzung des ökologischen Umbaus und Ausbau alternativer Energien.

„Wir selbst entscheiden darüber, welche Gegenentwürfe aus normativer Verpflichtung verwirklicht werden“, ermutigte Hengsbach. Es käme darauf an, ganz neu und anders zu denken als bisher, denn nur so beginnt andere Politik, meinte am Schluß ein Teilnehmer. Er hatte den Referenten gut verstanden.


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Dazu lädt die Stiftung kompetente Personen als Referentinnen/ Referenten ein. Einem einführenden Vortrag folgt jeweils eine ausführliche Aussprache.
Innerhalb kurzer Zeit haben sich die 'Imshäuser Gespräche' zu einem beachteten und anerkannten Forum der politischen Auseinandersetzung und Meinungsbildung in der Region Nordosthessens entwickelt.


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